Graf Guibert an Delphine.
Paris, den 23. August 1788.
Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr verflüchtigen, denn sie ist, – das haben Sie mir ja rasch und deutlich genug zu verstehen gegeben –, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die herbe Luft der Vogesen selbst.
Ich kenne Frauen – sehr wenige nur! – die in ihrer Ehe die Erfüllung ihrer Glücksträume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!
Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.
Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum aufzurichten.
Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet, der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter – als »Symbol der Freiheit«! – die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sich in überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den »reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher Frankreichs halten müssen.
Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.
Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie wieder in Paris zu sehen?
Lucien Gaillard an Delphine.