Verehrte Frau Marquise. Ihr Schicksal traf mich härter, als mich jemals das meine hat treffen können. Aber so wahr ich der bucklige Sohn einer Dirne und eines Edelmanns bin, und an nichts glaube als an meine Kraft, so wahr wird sich eine Lösung finden, wie das Schicksal Frankreichs eine Lösung finden wird. Ich, Lucien Gaillard werde das Werk Ihrer Befreiung, das Johann von Altenau begonnen hat, zu vollenden wissen!
Ich wollte, ich wäre imstande, Ihnen die Hoffnung einzuflößen, die eine Sicherheit ist, und von der wir alle erfüllt sind. Das Bewußtsein der Stärke hat sie möglich gemacht –, jener Stärke, die jeden Satz der herrlichen Schrift: »Was ist der dritte Stand?« zu einer Waffe in unseren Händen schmiedet. Gestern erschien sie, abends bereits war sie in allen Händen; heute dröhnen ihre Worte allen Privilegierten ins Ohr: »Was hält die Gesellschaft zusammen? Die gewerbliche und die geistige Arbeit. Wer verrichtet sie? Der dritte Stand. Wer ist in der Armee, in der Kirche, in der Rechtspflege, in der Verwaltung mit allem belastet, was Mühe und Anstrengung kostet und weder Ehre noch Reichtum einbringt? Der dritte Stand.« Das prägt sich unauslöschlich den dumpfsten Gehirnen ein. »Wer aber besetzt die besten Stellen, die einträglichsten Ämter, wer regiert nicht nur das Reich, sondern auch den König; wer umgibt ihn wie eine Mauer, daß er sein eigenes Volk nicht sehen kann? Die Aristokratie –« das weckt den Haß in der leidenschaftlosesten Seele, den Haß, der zum Beil und zum Feuerbrand greift, wenn er ein Schwert nicht zu führen gewohnt ist.
Geduld, Frau Marquise. Der dritte Stand, der sich selbst befreit, wird alle Unterdrückten und Entrechteten befreien – auch Sie!
Graf Guibert an Delphine.
Paris, den 26. Februar 1789.
Teuerste Frau Marquise. Ihr Schweigen läßt mich fürchten, daß ich Sie unbewußt verletzt haben könnte? Das würde ich aufrichtig bedauern, denn gerade jetzt, wo man sich gewöhnt hat, seinen besten Freunden mißtrauisch gegenüberzustehen, – bis in die Intimität hinein reicht der Parteihader –, sollte kein Band zerrissen werden, das noch so leise mit einem Anderen verknüpft.
Die Wahlkämpfe in den Provinzen haben die Luft förmlich mit Sprengstoff gesättigt; selbst Necker ist besorgt und versucht, die Maßlosigkeit des dritten Standes einzudämmen. Aber die Presse kennt keinerlei Rücksicht mehr; schon jetzt ist in ihren Augen die konstitutionelle Monarchie, die von den Generalständen erst geschaffen werden soll, ein überwundener Standpunkt.
Der strenge Winter, der der schlechten Ernte des vorigen Jahres folgte, treibt die Vagabunden von ganz Frankreich nach Paris, wo sie auf allen öffentlichen Plätzen rückhaltlos das große Wort führen. Sie würden die Stadt nicht wiedererkennen. Ein Edelmann, der Insulten aus dem Wege gehen will, ist genötigt, bürgerliche Kleidung zu tragen.
Von der Agitation des Grafen Mirabeau in der Provence werden Sie gehört haben. Mit Freiheits- und Gleichheitsdeklamationen sucht er sich von seiner Vergangenheit rein zu waschen, und das Volk jubelt ihm zu, wo er sich zeigt. Wir dürfen uns der Einsicht nicht verschließen, daß es die Hetzreden der Ehrgeizigen und der Fanatiker sind, die wilde Gelüste in den Massen aufpeitschen, von denen ihre Bescheidenheit bisher keine Ahnung hatte. Ich las nicht ohne tiefe Besorgnis, daß auch die ruhigere Bevölkerung des Elsaß nicht unberührt geblieben ist, und hoffe dringend, von Ihnen zu hören, daß Ihr stilles Schloß so fern wie von der Welt, so fern allen inneren Kämpfen blieb.
Lucien Gaillard an Delphine.