Meine geliebte Delphine. Unten jubelt das Volk. Trotz der eisigen Nacht ziehen singende Scharen durch die Straßen, – ich möchte mir die Ohren verstopfen, um nichts zu hören, was nach Freude klingt.
Du kannst nicht fliehen, Du kannst das Kind nicht ins Elend stürzen und in die Schande, das Kind, das Dich dann einmal fragen könnte: »Wer ist mein Vater, der, dessen Namen ich trage oder der, dessen Mätresse Du bist?« »Ich allein,« schreibst Du, »würde alles lächelnd auf mich nehmen, um Deinetwillen; um des Kindes willen aber darf ich es nicht.«
O, Ihr Frauen, so frei und stark, und doch so schwach und gebunden!
Aber warten willst Du und des alten Mannes versteinertes Herz zu rühren suchen! Ich will mich an Deiner Hoffnung stärken, Geliebte; müßte er nicht einen Stein in der Brust tragen, wenn Deine Bitten ihn nicht zu erweichen vermöchten?!
Ich bleibe zunächst noch hier. Neckers Bericht über die Generalstände, wonach die Regierung den Vertretern der Nation das Steuerbewilligungs- und Budgetrecht zuerkennt und die Zahl der Deputierten des dritten Standes denen der beiden ersten gleichstellt, ist klüger, als ich von ihm erwartet hatte, und sicherlich der einzige Weg zur Beruhigung der erhitzten Gemüter. Wir dürfen anfangen, auf eine ruhige, konstitutionelle Entwicklung zu hoffen.
Lebewohl, mein heißgeliebtes Kind. Küsse unseren Sohn, den ich zärtlich liebe, obwohl ein gräßliches Schicksal den zwischen uns schiebt, der uns am innigsten vereinen sollte.
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris, den 5. Januar 1789