Zürnende Göttin – darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem Throne nahen? Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden, wie es einer Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier rühmt sich ein jeder, Sie anbeten zu dürfen. Ich allein stehe vor verschlossenen Tempeltüren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades selbstvergessen hatte ruhen sehen.

Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunächst nichts anderes, als das Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der Koketterie geworden ist, und ich fühlte mich fast geschmeichelt.

Nun bin ich aufgeklärt: die kleine Guimard, die Sie unvorsichtig genug waren, nach Straßburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschätzten, ist mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprächig geworden.

»Die Marquise war gnädig, außerordentlich gnädig,« erzählte sie und ließ den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, – »für meinen Tanz, natürlich nur für meinen Tanz,« wie sie mit listigem Augenzwinkern versicherte. »Ich mußte ihr von Paris erzählen,« plauderte sie dann weiter, »von meinem Hotel, meinen Soupers, – soweit man sie einer elsässischen Marquise schildern kann! –, von meinen Gästen vor allem.« »Von Ihren Gästen?!« machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von der Seite schelmisch an: »Aha, ich merke, Sie möchten wissen, für wen sich die schöne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret sein wie eine große Dame.«

Ich wechselte das Thema des Gesprächs und ließ eine Flasche Burgunder entkorken, – sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weiße ihrer Haut so leuchtend erscheinen ließ, daß er auf immer geblendet wurde –; ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuosität, die ich noch der Schule Dubarry verdanke. Und sie wurde weich, wurde schwärmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Heloïse gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gespräch. »Die arme Frau,« seufzte sie tränenschimmernden Blicks, »sie liebt, liebt unglücklich –«

Nach diesem Geständnis, schöne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten mehr!

Zwar weiß ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu ihrer Vertrauten gemacht, aber für eine Liebeskünstlerin wie diese war Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.

Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr –, den des Helden!

Wären Sie übrigens huldvoller gewesen, Sie hätten sich nicht zu einer Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses Näheres zu hören. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rückkehr nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Königin.

Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie einen erschütternden Roman, und da die große Leidenschaft Mode zu werden beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein würden, ihn zu trösten. Die Gräfin Diane de Polignac hat sich seiner, – sagen wir höflich als Kavalier: mütterlich –, angenommen. Er seufzt ihr zu Füßen, wenn auch vielleicht noch nicht um sie. Sammle ich nicht feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen, der den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut verbindet?! Ich weiß von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straßburg mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der ungeeignetste Führer dorthin.