An Froberg denke ich zurück, wie an einen anderen Stern. Dort war alles satt und sauber. Euer Gnaden Brief riß die dunklen Vorhänge meiner Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, sodaß ich plötzlich wieder in das ferne Licht hinübersehen mußte. Trotzdem möchte ich nicht zurück; kämpfen ist besser als leben. Nur daß sich die Herrin dieses Sterns mir wieder vor Augen rückte, war grausam. Ich könnte über ihr die Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, daß Euer Gnaden sich in Paris meiner erinnern werden?
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris, am 2. Juli 1775.
Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich überrascht, da ich mich der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rühmen darf. Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte, ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief beglückt, daß es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger Zeit weiß ich, daß es eine Täuschung war.
Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wußten, begeistert von Ihrer seduisanten Persönlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht, viel von Ihnen zu erzählen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig verstummte.
Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen: Der Marschall von Contades hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien, ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblümten Aufforderung zu einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige Verse des Herrn von Pirch »an die Geliebte«, worin er den Duft Ihrer Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wärme Ihres blühenden Busens in so stürmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genuß all dieser Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag.
Sie sind weiterhin so gnädig, an meinen Interessen und Plänen insoweit Anteil zu nehmen, als sie Ihnen »gefährlich« und »abenteuerlich« erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, daß es nicht »Herzensenttäuschungen« sind, die den Wunsch in mir entstehen ließen, Frankreich den Rücken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein, ihre Überzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefühle zu drehen, die der Männer ist es nicht.
Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene tatenlose Existenz wären schon Grund genug, eine andere Lebenssphäre sehnsüchtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist für mich der Einblick in die Tatsache geworden, daß alle Systeme und Ideen unserer Denker und Dichter, für die ich mich einst begeisterte, – ich würde an dieser Stelle gern »wir« gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht wüßte, daß Sie jene Stunden in Etupes längst vergessen haben, – nichts als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also völlig unkontrollierbar sind.
In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, statt nur über sie zu reden. Dort würde ich also erfahren können, ob sie ein Gut ist, für das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen.