Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an eine rußige Hütte. Mit einem Geheul, das an die Wölfe der Vogesen erinnerte, stürzte mir ein Mensch entgegen.
»Ich habe nichts, gar nichts,« schrie er, »selbst das Schloß an der Tür hat der Steuereinnehmer schon genommen.«
Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine Hexe sein: ein paar schmutzigweiße Haare standen um ihren gelben Schädel, über die bloßen Knochen ihres nackten Oberkörpers spannte sich die braune Haut, ihre Brüste hingen, leere Schläuche, über den gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hörte ich ein Wimmern aus dem Dunkel der Hütte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden aufgerissen, ein Bündel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den Knochenarmen, sie preßte es an die welke Brust, und Tränen, die aus ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht, nicht größer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie küßte es.
Nun wußte ich, daß sie ein Weib war.
Allmählich im Weiterwandern hörte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah immer dasselbe: Häuser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als schmutziges Stroh. Die Möbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer nähren müssen, ebenso wie die letzten Obstbäume vor den Türen. Alles andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die Winzer in Laferté ließen den Wein ins Wasser fließen, weil sie zu arm waren, die Abgaben dafür aufzubringen.
Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern entgegen, die ihre Äcker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu wandern. Andere drängten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhändler, der kürzlich gekommen war, um die Weiber für billiges Geld an seine Webstühle zu spannen. Viele priesen ihn, als wäre er der Herrgott selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras gefressen hatten. Daß sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen eine Erlösung, für die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl schanzten.
Ich näherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An üppigen Schlössern und wundervoll blühenden Gärten kam ich vorbei. Aber ob sich mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber hätte ich die Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als um zu betteln!
Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von früh bis spät von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich Männer der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch größer ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich über seine Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa auf sich gerichtet.
Ich dränge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde ich mir ein, bei den Philosophen oder den Ökonomisten die richtigen Rezepte für die Volksseuche, die ich aus nächster Nähe kennen lernte, gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, daß selbst die berühmtesten Ärzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die Ökonomisten: »die ökonomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die Tyrannei der Grundbesitzer,« und der Abbé Baudeau antwortete ihm: »Ihr Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers.« Ich fürchte, sie haben alle beide recht.
Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und spreche zu wenig, darum strömt mein Inneres in die Feder.