Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben. Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois, sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in bitterster Weise verspotten.

Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von der Gestaltung der Dinge abhängt.

Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit.

Lucien Gaillard an Delphine.

Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgeführt. Ich faßte den Prinzen Montbéliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Gräfin Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei meinem Anblick. Als ich Ihren Brief übergab, färbte sich sein blasses Gesicht dunkelrot. Er entließ mich sehr ungnädig. Oder sollte mir Paris den Star gestochen haben, so daß ich die gewohnte schlechte Behandlung hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?!

Euer Gnaden sind gütig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen. Ich müßte Mémoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darüber gehörige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in den fünfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Kürze will ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie für mich haben wollen. Es gehört, wie ich nachgerade weiß, zur vornehmen Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen. Aber ich möchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte.

Ich reiste zu Fuß; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine überflüssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrückend war.

Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Ländereien vor mir ausbreiteten, die eben von plünderndem Kriegsvolk verlassen schienen: Einöden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes Wesen auf mit strähnigen Haaren über schmutzstarrenden Zügen, das mich aus roten Augen erschrocken anglotzte.