Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen.
Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen. Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, – er gehört zu den wenigen Hofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, – zeigte mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen kann.
Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist als dieser, – ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu verwischen! –, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben, so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.
Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, daß die Affäre des kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, – hätte er nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen gefunden?! – den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.
Marquis Montjoie an Delphine.
Paris, am 1. Juni 1775.
Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen, als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise treffen zu wollen.
Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune, teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz oder lang beseitigen läßt, aber – dessen fürchte ich sicher zu sein – nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden. Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert, Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas' Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.
Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz, Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen. Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen, sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.
Da, wo er sich aufhält, – in der nächsten Umgebung der Königin, – ist allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns, wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer Stellungnahme, – denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, – kam mir das Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern, mit dem sie sich umgeben hat.