Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog »Wissen Sie schon, Alcest hat die kleine Herzogin verlassen.« – »Nicht möglich! Und warum?« – »Wegen der niedlichen Tänzerin Cléone«. – »Gewinnt er denn bei diesem Tausch?« – »Vom Standpunkt der guten Sitten – gewiß!« –
Von nun an erwarte ich Sie täglich!
Prinz Louis Rohan an Delphine.
Paris, am 7. Mai 1775.
Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem längeren, ich möchte beinahe sagen: geschäftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich mir das besondere Vergnügen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so nachhaltiger gewesen, daß ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer hätte hinter der Marmorstirn dieser reizenden Frau so kluge und so – kühle Gedanken vermutet; wer hätte je geglaubt, daß Ihre große Jugend der Erkenntnis so ernster politischer Fragen fähig wäre!
Und nun ist, dank eines glücklichen Zwischenfalls, der große Moment gekommen, wo es gilt, die bisher – unter uns gesagt – noch spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.
Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen und Physiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus Versailles, wo ich den König zwar nicht traf – sein ganzes Interesse gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd! – und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden, kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.
Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung, als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen sein.
Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch ein Schweizer mit all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen, indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt, spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und – noch mehr – ihr Geld gebrauchen.
Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während der schwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester.