Straßburg, am 17. April 1775.

Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlägt sich nicht mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet sein, wie ich.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Versailles, am 29. April 1875.

Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straßburg verlassen, und glauben, dem Zentrum aller großen Ereignisse näher zu kommen, als es sich mit einer cause célèbre an uns Provinzverächtern rächt. Ganz Paris spricht von der Ohrfeige, die der Straßburger Marschall empfing und von der Kugel, die der deutsche Baron sich darnach in die Schläfe jagte. Empfindsame Seelen lassen ein paar Tränentropfen über die Wangen fließen und flüstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere schöne Polignac hat, – ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen Mannes, oder aus Neid über Ihren Ruhm?! –, einen Weinkrampf bekommen und quält seitdem den Prinzen Montbéliard mit unermüdlichen Fragen nach der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin fürchtet. Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemüht, die Geschichte zu unserem Vorteil – »unserem«, schöne Frau! – auszunutzen; die Gelegenheit dazu ist so günstig, wie der kleine Roman selbst.

Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die Ärzte führen die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die – Kunst zurück: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortäuscht, wo in Wahrheit die vierschrötige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den Puder, der gelbes Leder in weiße Lilienblätter umwandelt, auf die Schminke, die bleichsüchtigen Lippen und Wangen blühende Rosenfarbe verleiht, auf Liköre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts, das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren Mixturen mehr, sondern – Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes Landbrot, saures Obst, Leibesübungen, Morgenspaziergänge. Die Königin und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfährige Patienten; ganz Paris folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im parfümierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons, über den smaragdgrünen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Königin Geschichten à la Marmontel zu hören. Es müssen aber, wie wir als Kinder zu sagen pflegten, »wirkliche« Geschichten sein. Welche hätte den Wünschen der hohen Frau besser entsprechen können, als die Ihre?

Unter den eben aufblühenden Syringen erzählte ich von der kleinen süßen Klosterschülerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so stolze Schloßfrau von Froberg; auf der weißen Bank zwischen den Oleanderbäumen sprach ich von der geistvollen Königin der Straßburger Feste; und als wir an der Schäferhütte unter den hellgrünen Schleiern zarter Birken saßen, schwärmte ich von der wunderschönen Frau, um derentwillen ein deutscher Träumer sterben mußte und ein französischer Kavalier nichts heißer begehrt, als zu leben!

Der Königin blaue Augen schwammen in Tränen; unter den duftigen Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, – natürlich nur, weil der Arzt verordnet, daß Luft und Licht den Körper berühren! –, bebten rosige Busen.

»Schreiben Sie der Marquise Montjoie, daß ich mit ihr leide,« sagte die Königin; »fügen Sie auch hinzu, daß es mir eine besondere Freude sein würde, sie zu empfangen.« Und mit jener rührenden Einigkeit, die, wie Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Gräfin Polignac schwieg zerstreut. Der Prinz Montbéliard war kurz vorher im Boskett verschwunden.

Können, nein, dürfen Sie jetzt noch zögern? Versailles erwartet Sie im schönsten Frühlingsschmuck, und Paris mit einer Fülle amüsanter Attraktionen. Der Barbier von Sevilla füllt täglich das Theater und der glückliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, – ein Emporkömmling dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser Geschäftsmann, – ist dermaßen in Mode, daß Prinzessinnen sich um ihn reißen. Die drollige Komödie: »Die Kurtisanen«, versorgt die Salons mit Bonmots, die die Gesellschaft um so herzhafter belacht, je mehr sie sich getroffen fühlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief beschließen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lächeln bei Ihnen hervorzuzaubern –, jenes verführerische Lächeln, das Perlenzähne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe Grübchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben läßt. Ein junger, vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat, deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Gräfin nicht zu schämen brauchte, zu ihren Füßchen, die in der Höhe des Spanns und der Schmalheit der Fesseln der blaublütigsten Aristokratin gehören könnten, macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form akzeptiert. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Da öffnet sich die Tür, herein tritt der Bruder der Schönen, – Schmierstiefeln an den klobigen Füßen, schmutzige Nägel an den breiten Händen, im roten Gesicht eine noch rötere Nase –, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem verblüfften Biedermann, der den Schwager gerührt in die Arme schließen will, stürzt im selben Augenblick der verliebte Jüngling vorüber, zur Tür hinaus. Der Anblick genügte, ihn von seiner Liebe und die kleine Dame von einem Bräutigam zu befreien!