Dienstag.

Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen. Kniefälligen Dank dafür, daß ich Ihnen dienen darf! Ich werde zur angegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten, gehofft und – gesündigt!

Karl von Pirch an Delphine.

Straßburg, den 17. April 1775.

Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden kann, dem selbst der Tod gleichgültig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen, von kühnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglühend warf ich mich nieder vor Ihnen, als ich ihre Tränen sah und sie zu meinen Gunsten deutete! Sie aber sprangen auf und stießen mich zurück, und wilder Zorn, nichts als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor die Füße warfen.

»Rächen Sie mich –«, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betörter fühlte, während ich las, nur das Eine: daß Sie mich gerufen hatten, daß ich Ihnen dienen durfte, daß ich des köstlichsten Lohnes dafür sicher sei! Bis ich aus dem Traum gräßlich erwachte, bis ich endlich verstand, – verstehen mußte, daß ich nicht einmal besaß, wessen der letzte Ihrer Diener sich rühmen durfte: Ihre Achtung.

»Ein Vaterlandsverräter!« Darum also haben Sie sich von mir gewandt, während ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu können! O, daß ich Sie nicht früher kannte, daß meine Liebe nicht hellsehend genug war, um mich Ihre Größe erkennen zu lassen!

Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben. Jetzt aber kehre ich zurück, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele dafür zu danken, daß Sie mich dieses Sterbens würdigten. Nach Stunden, in denen die ganze Hölle sich meiner Seele bemächtigte, ist es still in mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heißen, ist der einzige, der mich zu Ihnen zurückführt. Ich werde fallen, und entsühnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was verlange ich mehr?

Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis über den Tod hinaus bin ich es jetzt erst.

Karl von Pirch an Delphine.