Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, daß Sie mir so kühl gegenüberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich weiß gar wohl: ich spiele eine schlechte Figur zwischen Ihren glänzenden Gästen; zähneknirschend empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnürte mir die Kehle zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte, so daß der arme Fußgänger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer über den Rücken, sobald der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre Schwelle überschritt, während ich daneben stand mit leeren Händen!
Aber heißt es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Gründe für Ihre Ungnade annehme? Habe ich überhaupt ein Recht, mich zu beklagen –, ich, der ich versprach, wunschlos Ihre Nähe zu suchen?! Ach, Engel meines Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen würde, vor Ihrer Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvoll fliehen, und das Dunkel der Nacht fürchten wie höllische Finsternis.
Können Sie mir nicht lächeln, wie einst? Muß ich die Qual erdulden, immer hinter den anderen zurückzustehen? Darf ich nie mehr allein den Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heißen Kopf in die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fähig um den Preis eines Blicks voll Güte!
Marschall Maxim von Contades an Delphine.
Straßburg, am 16. April.
Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht erholt, daß Sie den Baron von Pirch nicht beeinflußt haben wollten, und meine Vermutung entrüstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel, schönste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes Interesse für den jungen Mann verstecken zu müssen? Was ich bei meinem letzten Gespräch mit Ihnen aus der veränderten Lage des Kapitäns, seinen englischen Pferden und Pariser Westen, nur schließen zu müssen glaubte, ist mir inzwischen zur Gewißheit geworden: der Herzog von Aiguillon erhielt die gewünschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, und Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen.
Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem Patriotismus wie Ihrer – christlichen Nächstenliebe in gleicher Weise Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist solche zarte Rücksicht noch nötig, nachdem Sie mir neulich deutlich genug zu verstehen gaben, daß ein grauer Bart zu stachlich ist für eine zarte Haut wie die Ihre?
Zuverlässige Gewährsmänner erzählten mir, daß eine gewisse kleine Gräfin Laval als Klosterschülerin nachts in den Straßen von Paris mit einem jungen Manne gesehen wurde, und daß um die Gunst einer reizenden Marquise, – deren Name Ihnen nicht fremd sein dürfte –, der Prinz von Montbéliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines Douceur für seine Ritterdienste glaubte rechnen zu dürfen?
Ich küsse Ihnen die Hand –, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten –, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.
Karl von Pirch an Delphine.