Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Straßburg, Freitag.
Schönste Marquise, der König hat befohlen, daß ich den Prinzen Rohan nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschäfte, die ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht mehr sehen zu können. Es würde mein Herz noch heftiger bluten machen, wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwürdigen Zufall, Sie bei meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so sehr gelitten hätte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres entzückenden Köpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso unergründlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefühlen? War es Ihre Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und helfe, Sie möglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu entfernen?!
Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und plädieren wie Monsieur Linguet, der die Gräfin Bethune sogar dann noch rettete, als er bereits gestürzt war.
In Paris sehen wir uns wieder – in diesem göttlichen Paris, wo alle Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glücksspiel, die Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphäre von Straßburg würde mich schwermütig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht gesättigt gewesen wäre von diesem Paris.
Aber zuweilen entdecke ich, daß die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen zu verschleiern beginnen, daß die erschreckende Nähe deutschen Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen legt; – Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris! Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen grüßen? Darf ich ihm auch vom Baron von Pirch erzählen?!
Mit deutscher Andacht küsse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit französischer Verwegenheit des rosigen Grübchens auf Ihrem Ellenbogen.
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg, am 29. März 1775.