Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und es dünkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, daß ich in einem blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprühenden Feuer eines Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschöpf, das aus Gottes Hand je hervorging, mir gegenüber!

Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz ließ mich vergessen, daß ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er verschloß mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne – ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! – fühle ich meine schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.

O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verständnisvoll von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun möchte ich Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthüllen, um Ihre Stimme um meinetwillen zittern zu hören!

Und warum streichelte Ihre weiße Hand das kleine Buch; – wenn ich es in der meinen halte, spüre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur eine Zuflucht weiß: Sie!

Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen, und doch können Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Füßen lege: die Menschen verschenken ihr Herz stückweise, – den Freunden, den Geschwistern, der Mutter, – ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die Menschen spielen mit ihrem Gefühl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung wie eine Ware, – ich aber flehe nur um die Gunst, daß Sie es nicht von sich stoßen mögen! –

Erschrecken Sie nicht vor der Größe meiner Leidenschaft. Sie ist ein Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krümmen imstande wäre. Den Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu dürfen, wie gestern, ist das Höchste, was ich begehre.

Marschall Maxim von Contades an Delphine.

Straßburg, am 16. März 1775.

Verehrteste Marquise! O, über die Launen schöner Frauen! Sollte man es glauben, daß die kühnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten, den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen Feigling macht, – sie schlug ihm Wunden, die er nicht rächte!! –, daß dieselbe grausame Schöne eines kleinen Kapitäns mitleidsvolle Wohltäterin werden will?! – Sie haben recht: Herr von Pirch ist blutarm, aber er trägt bereits die Anwartschaft auf ein Vermögen in der Tasche. Er steht unter persönlicher Protektion des Herzogs von Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst des Königs von Preußen erworben hat. Wir würden diesen deutschen Baron nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht große Vorteile davon versprächen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem Schützling eine glänzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu rückhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.

Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr, daß Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermöchte die rauhe Faust noch zu ertragen, der von der zarten Führung Ihres Händchens verwöhnt worden ist?!