Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestät die Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es nötig, die zarte Tüllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hüften immer raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verführerisch genug für mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit anderer Männer rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu spießen?

Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drüben aus den Zimmern der Polignac klingen schwärmerische Harfentöne, aus den Hecken trillert ein Vogel, der vom Frühling träumt –, ich höre nur ein Wort aus allen Tönen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens sehnsuchtsvoll-stürmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine Geliebte mit mir in den Zaubergärten Armidens sein!

Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Condé, der Chantilly zum Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem beziehungsvollsten Figarolächeln allerlei Andeutungen über die Wunder, die sich begeben werden.

»Für Liebhaber der Einsamkeit«, sagte er, »finden sich im meilenweiten Park stille Einsiedeleien, für philosophische Gespräche, die ungestört bleiben müssen, gibt es im riesigen Schloß hinter unsichtbaren Tapetentüren sichere Verstecke.« Alles, was jung ist und schön, hat der Prinz geladen: »damit weder die bösen Zungen alter Weiber, noch die lüsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu leben.«

Darum, geliebteste aller Frauen, werden Sie nicht um unser Geheimnis zu zittern brauchen, werden nicht erbleichen, wenn meine Hand die Ihre sucht und fremde Blicke uns streifen, und nicht im Augenblick süßesten Taumels die schönsten Augen der Welt angstgeweitet auf mich richten. Sie werden endlich rückhaltlos mein sein.

Schon sehe ich uns in den verschwiegenen Tempeln der Gärten zu Eros, dem reizenden Gott, die verschlungenen Hände erheben und im stillen Dunkel der Hütte leise verschwinden, um die graue Buchenstämme als eherne Wächter stehen, und deren kleine Fenster Epheuranken schamhaft verhüllen.

Lucien Gaillard an Delphine.

Paris, am 20. September 1775.

Verehrte Frau Marquise. Euer Gnaden gütige Erlaubnis, mich Ihnen bei Ihrer Anwesenheit in Paris wieder persönlich vorstellen zu dürfen, habe ich bisher nicht in Anspruch genommen. In den Ernst meines Lebens und meiner Gedanken sollte kein Strahl jener Welt fallen, der ich endgültig den Rücken kehrte. Ich, selbst ein Enterbter, will ganz meinen Brüdern gehören. Ich verzeihe es mir nicht einmal, wenn hier und da noch ein Gefühl der Sehnsucht in mir rege wird.