Um nicht zu wecken, was leider nicht tot ist, sondern nur eingeschläfert von dem Liede der Not, komme ich auch heute mit meinem Anliegen nicht in Person. Es handelt sich nicht um mich. Selbst wenn ich am Verhungern wäre, würde ich eher rauben als betteln. Ein paar arme Kinder sind es, für die ich Euer Gnaden Güte in Anspruch nehmen möchte.

Ich fand sie auf meinen Streifereien im Norden von Paris, der gewohnten Beschäftigung meiner Mußestunden. Wer immer über das Pflaster zwischen dicht gereihten Häusern trottet, vergißt allmählich, daß man auch auf weichem Rasen zwischen grünen Bäumen gehen kann. Und das ist gut.

Die Kinder bettelten. Eins von ihnen, ein Mädchen, suchte im Kehricht nach etwas Eßbarem. Ich folgte ihnen, als sie abends heimgingen. Das eine Mal stieg ich bis unters Dach. In eine Kammer, die weder Schloß noch Riegel hatte, blickte ich durch die fingerbreiten Spalten der Holzwand. Ich sah eine Schar von Kindern, die sich, von Hunger gepeinigt, über die eklen Speisereste stürzten, die das Mädchen aus der Gosse gefischt hatte und ihnen zuwarf. Ein andermal folgte ich einem Kinde in ein feuchtes Kellerloch tief unter dem Boden der Straße. Ein triefäugiges Weib riß ihm die Lumpen von den mageren Gliedern, ein anderes betrachtete die armselige Gestalt mit gierigen Blicken, als wäre es ein Stück raren Fleisches. Um fünf Sous kaufte sie schließlich die Kleine.

Seitdem ist es meine Leidenschaft, Kinder zu suchen. Ich habe mir schon eine lange Liste von denen angelegt, die ich fand. Es sind in sechs Gassen schon dreiundsiebzig, Mädchen und Knaben. Am liebsten hätte ich sie heimlich entführt. Aber in meiner Kammer hat nur mein eignes Bett Platz, weil ich ein Krüppel bin und nie gerade liege, und das Weib, das mich geboren hat, würde mit meinen Schützlingen auch nur ein Geschäft machen wollen. Abnehmer hat sie immer für Menschenware.

Nun hörte ich, daß es bei den vornehmen Damen neuerdings Mode ist, arme Leute mit dem Abfall ihrer Küche und abgetragenen Kleidern dankbar zu machen. Einige gründen auch Hospitäler, weil sie für ihre glatte Haut die ansteckenden Krankheiten derer fürchten, die frei herumlaufen.

Wäre es nun nicht möglich, nachdem durch Herrn Rousseau sogar die Liebe zu den Kindern Mode wurde, einen Zufluchtsort für sie zu schaffen? Sie fänden wenigstens Schutz vor den wilden Bestien, die sie verfolgen: dem Menschen und dem Hunger. Auch würde es weniger kosten, als ein neues Kleid, wenn die Damen des Hofs sich alle daran beteiligen würden.

Ich fürchte, ich kann für andere nicht betteln. Nichts macht so inbrünstig hassen, als bitten zu müssen.

Verzeihen mir Euer Gnaden gütigst all die Worte, die wie Steinwürfe sind, und wie Schneeflocken sein sollten. Wenn Sie all die Güte, die Sie an mich verschwendeten, den armen Kindern zuwenden wollten, so wären sie gerettet.

Meine Liste steht Ihnen zur Verfügung.