Prinz Rohan an Delphine.

Chantilly, am 25. September 1775.

Reizende Marquise. Sie weichen mir aus. Kaum glaube ich, Ihnen im Garten nahe zu sein, so glitzern die Goldschuhe an den kleinen Füßchen schon wieder fern zwischen den Hecken; sehe ich Sie im Salon, so umgibt Sie die Schar Ihrer Bewunderer wie eine Mauer; wage ich es, Ihnen abends zu folgen, so verscheucht mich gar bald die Kavalierpflicht der Diskretion. So wähle ich diesen Weg, der es mir zugleich erleichtert, vor Ihnen der zürnende Priester, statt der bewundernde Mann zu sein.

Sie vergessen über Ihrem Schäferspiel unser Intriguenstück, schöne Marquise, vielleicht weil der liebenswürdige Graf Chevreuse Ihr Partner ist? Daß der Weg zum Kopf der Frau immer durch das Herz geht!

Aber auch dort, wo ich den Einfluß des Liebhabers nicht zu entdecken vermag, hat Ihr Gemüt Ihren Verstand unterjocht.

Hören Sie, was mir jemand erzählte: »Jüngst ging die Königin, nur von wenigen ihrer Damen begleitet, durch die neuen Gärten von Trianon. Im Schatten der Weiden, vor dem Fischerhaus, begann sie, Geschichten zu erzählen, wie die Umgebung sie ihr eingab. Jede der Frauen folgte unter Lachen und Scherzen ihrem Beispiel. Nur die Marquise Montjoie, sonst die heiterste von allen, blieb schweigsam. 'Sollte unsere reizende Freundin sich angesichts dieser Hütte keiner Idylle erinnern,' mahnte die Königin; die Marquise entgegnete: 'Einer Idylle?! Nein! Wohl aber eines Trauerspiels!' und mit einer Beredsamkeit, bei der jedes Wort sich am Wort entzündete, sprach sie von den Bauern der Champagne, ihren Hütten ohne Fenster und ohne Bett, ihren verödeten Feldern und leeren Scheuern, ihren Weibern, deren Jugend die Not zerfrißt, an deren ausgedörrten Brüsten die Kinder verhungern. Die Damen hörten staunend zu und die Königin weinte...«

Was ich fast nicht glauben wollte, hörte ich heute mit eigenen Ohren. Als mitten im Pfänderspiel die Reihe an Sie kam, mit einer kleinen Erzählung Ihr Perlenhalsband einzulösen, sprachen Sie mit jener Wärme, die der nüchternen Wahrheit stets fern bleibt, von dem Elend der Kinder von Paris. Sie erwähnten Dinge, die Ihr kultivierter Geschmack nicht wissen, Ihr weicher Mund nicht aussprechen dürfte. Aber je hinreißender Sie im Feuer Ihres Mitgefühls waren, um so gefährlicher war der Einfluß, der von Ihnen ausging. Heißt das, teure Marquise, die Stellung Turgots erschüttern, der nicht müde wird, dem Volke goldene Berge zu versprechen, wenn er seine Reformen durchführen kann?

Ich muß Ihnen den ganzen Ernst der Lage ins Gedächtnis zurückrufen, um Ihnen daran den Ernst unserer Aufgabe klar zu machen. Die Situation ist auf die Spitze getrieben, und nicht nur das Vaterland, sondern auch unsere heilige Kirche sind in höchster Gefahr, besonders seitdem der Herzog von Choiseul aus der Verbannung zurückberufen wurde, derselbe Choiseul, der – ein Pompadourminister – die frommen Väter des Ordens Jesu auswies und zu gleicher Zeit die Philosophen und Gottesleugner beschützte. Der Unglaube, die Verhöhnung menschlicher und göttlicher Autorität breiten sich aus wie eine Seuche; ein verworfener Mensch wie Voltaire wurde zum Orakel Frankreichs, die Enzyklopädie erscheint ungehindert und trägt die Ideen der sogenannten Aufklärer, die bisher nur in kleinem Kreise Unheil stifteten, in die Welt. Unsere Journale und Pamphlete, ja selbst unsere Konversationen bis in die Kreise des Hofs hinein sind erfüllt mit ihren Redensarten von der rechtlichen Gleichheit und der politischen Freiheit, und der Name der Vernunft wird häufiger angerufen als der Name Gottes.

Verzeihen Sie, daß meine Vaterlandsliebe und meine Pflicht als Diener der Kirche mich so weit treibt und in diese wolkenlosen Tage Ihres Vergnügens seine Schatten wirft. Aber gerade hier ist mir deutlich geworden, wie wertvoll Sie, verehrte Frau Marquise, unserer Sache werden können, denn alles, von unserem edlen Gastwirt und dem Herzog von Bourbon angefangen, huldigt Ihrer Schönheit, bewundert Ihren Geist. Ich appelliere an Ihren Ehrgeiz, den Sie leicht befriedigen könnten, wenn Sie Ihrer Pflicht als Tochter Frankreichs und der Kirche eingedenk wären. Sie können der Königin beweisen, daß Frankreich weiter reicht, als die Gärten von Trianon, daß sie berufen ist, ihre Rolle in der Welt zu spielen, nicht nur auf der Bühne.

Wenn Sie daneben im stillen als heilige Elisabeth wirken wollen, – ohne die leicht erregten Gemüter überflüssig zu erhitzen –, so bin ich der Erste, der Sie unterstützen wird. Hundert Louis aus meiner Schatulle sende ich Ihnen noch morgen für Ihre armen Kinder und bin gewiß, daß Sie überall eben so offene Hände finden werden. Um Tränen zu trocknen, bedarf es, weiß Gott, keiner Reformgesetze. Das war von je die schönste Aufgabe guter Christen.