Darf ich Sie an dieser Stelle noch an eins erinnern, schöne Frau? Der Herr Marquis von Contades ist bereit, sein Wort als Edelmann dafür zu verpfänden, daß Sie – eine Französin! – Herrn von Pirchs Handlungsweise als Vaterlandsverrat verurteilt haben. Er versprach mir zwar, weil es meinem Einfluß gelang, ihn von der erhaltenen Ohrfeige rein zu waschen, von seiner Kenntnis keinen Gebrauch zu machen; aber es liegt natürlich in meinem Belieben, ihn dieses Versprechens zu entbinden. Wird die Marquise Delphine noch in der Lage sein, der Königin Geschichten zu erzählen, wenn die hohe Frau erfährt, daß ihre jüngste Freundin – preußisch fühlt?! Sie haben jetzt die reichste Gelegenheit, den kleinen Fehler, den Ihre Jugend gewiß entschuldigt, wieder gut zu machen.

Jedenfalls sind Ihnen die Unvorsichtigkeiten Ihres warmen Herzchens leichter zu verzeihen, als die Ihres Kopfes. Der gute Marquis ist wirklich kein geeigneter Partner für die holden Freuden der Liebe. Darum drückte ich als Ihr ergebener Freund beide Augen zu, als ich diese Nacht an einer gewissen versteckten Hütte vorüberkam, und bemerkte, wie entzückend natürlich Daphnis und Philidor ihre Rolle weiter spielen, – obwohl ich als Priester hätte zürnen und strafen müssen. Erschrecken Sie nicht, reizende Sünderin. Nur wenn das Vaterland es befiehlt, verrät ein Rohan eine Frau, die er anbetet.

Trüben Sie auch nicht den Glanz Ihrer Augen durch Tränen falschen Mitgefühls. Seien Sie gewiß: soweit der Arm der Kirche reicht, hungert kein Mensch auf dem üppigen Boden Frankreichs!

Ich kehre noch heute nach Straßburg zurück. Sie werden mich gütigst bei der Königin in Erinnerung bringen.

Zum Abschied werde ich Sie morgen früh –, falls die Türe zu Ihrem Boudoir sich mehr als einem Kavalier öffnet –, nur um die eine Gnade bitten, den rosigen Arm küssen zu dürfen, der sich so zärtlich um den Hals des beneidenswerten Geliebten zu schlingen weiß.

Graf Guibert an Delphine.

Paris, den 6. Oktober 1775.

Als ich mich Ihnen, verehrte Frau Marquise, für das Werk Ihrer Menschenliebe zur Verfügung stellte, hätte ich nicht geglaubt, daß wir so rasch das Ziel erreichen würden. Aber Schönheit und Güte vereint wirken Wunder! Die sechzig Kinder, die das Kloster zum Herzen Jesu aufnahm, sind ein lebendiger Beweis dafür.

Was mich aber noch tiefer ergriff als Ihr Eifer, eine Not lindern zu wollen, welche leider nur ein Symptom der großen Krankheit ist, die Frankreichs Leben bedroht, ist Ihr Unverständnis für die Medikamente, die die Wurzeln des Übels ausbrennen sollen.

Seien Sie versichert: Reformen, und wären Sie noch so gut gemeint, sind nichts als Betäubungsmittel. Neue Quellen des Reichtums gilt es zu erschließen. Und dafür, – ich wiederhole, was Herr von Beaumarchais und ich Ihnen schon auseinanderzusetzen versuchten –, bietet sich jetzt eine willkommene Möglichkeit. Unterstützen wir Amerikas Freiheitskampf, so wird Amerika uns für den Kampf gegen die Not die einzig siegreichen Waffen – die pekuniären Mittel – zur Verfügung stellen.