Ihre Schönheit, Frau Marquise, preist ganz Versailles; von Ihrer Güte spricht halb Paris; Ihrem Geist aber winkt erst ein fruchtbares Feld des Wirkens. Ihr Salon sollte der Mittelpunkt der besten Köpfe Frankreichs sein! Meine Vaterlandsliebe läßt mich freilich aussprechen, was mein Gefühl für Sie unterdrücken sollte. Oder dürfte ich hoffen, in Ihrem Salon auch unter vielen immer noch Einer zu sein?
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Paris, am 10. Januar 1776.
Ist meine Göttin so wankelmütig wie die Sonne, die sich mehr und mehr hinter grauen Winterschleiern versteckt?
Als ich gestern die sonst so freudig empfangenen Konfitüren brachte, sagten Sie wegwerfend: »Die immer gleichen Süßigkeiten! sie widern mich an!«
Zum Abschied nach einem gequälten Zusammensein hielten Sie mir die Wange hin, als wären wir ein Ehepaar. Und als ich heute des kommenden Festes bei der Prinzessin Lamballe Erwähnung tat, riefen Sie aus, die Lippen unmutig schürzend: »Bietet Paris denn nichts anderes, als Komödien und Feste, Feste und Komödien?!« Die neuesten Anekdoten, die ich erzählte, die pikantesten Chansons, die ich vortrug, nötigten Ihnen kaum ein Lächeln ab.
Da meldete Ihr Diener Herrn von Beaumarchais. Ihr Gesichtchen erhellte sich, und Sie, die Sie bisher unser Tête-à-Tête durch niemanden unterbrechen ließen, empfingen den Gast mit einem Aufatmen der Erleichterung.
Jetzt verstehe ich, reizende Delphine: auch bei Ihnen blühen Liebe und Treue nicht auf demselben Stamm. Ihre rasche Jugend, – an deren Existenz ich Sie zuerst erinnerte! –, Ihr stürmisches Temperament, – dessen Fesseln erst an meiner Glut zerschmolzen! –, Ihr sprühender Geist, – dessen Funken freilich erst der Dichter Beaumarchais herauszuschlagen vermochte, – verlangen nach Abwechslung.
Der große Dramatiker Beaumarchais ließ das ganze Welttheater an Ihnen vorüberziehen; die Kämpfe der Amerikaner, die Parlamentsreden der Engländer, die Finanzen Frankreichs –, und Ihre Begeisterung für die »Menschenrechte« der Bewohner der neuen Welt flammte so hoch auf, daß die arme kleine Liebe daneben erlosch, wie der Morgenstern vor der Sonne. Weiß Gott, ich, Guy Chevreuse gestehe ein, meine Rolle als Liebhaber noch nicht ausgelernt zu haben: Neben der Kleinigkeit des Herzens verlangt die kapriziöse Frau von heute auch noch Geist, auch noch Kenntnisse, am Ende gar Taten von uns!