Prinz Louis Rohan an Delphine.

Straßburg, am 10. März 1776.

Schönste Frau! Vergebens wartete ich auf eine Antwort von Ihnen und fürchte schon, meine reizende Gönnerin durch ein paar harmlose Bemerkungen verletzt zu haben, als ich von Ihren Leistungen unterrichtet wurde: Sie eröffneten den Salon der Kriegspartei! Vortrefflich, ganz vortrefflich, Frau Marquise! Sollte die Gicht, die das gesamte Ministerium zu plagen scheint, weniger auf die guten Diners im Hause Geoffrin, als auf die Enthaltsamkeit, die Sie ihm auferlegen, zurückzuführen sein? »Les ministres s'envont goutte à goutte,« schrieb mir neulich der Herzog von Chartres. Sie wissen, er hat für seine Bonmots seit einiger Zeit den Geist der Frau von Genlis zu freier Verfügung, – womit ich natürlich nichts Böses angedeutet haben will, denn Frau von Genlis spielt die Harfe und schreibt moralische Stücke für die Jugend.

Derselbe Korrespondent berichtet mir, daß Sie der Königin neuerdings von gefesselten Indianermädchen und liebenden Farmern rührende Geschichten erzählen. Ausgezeichnet, Frau Marquise! Man trägt sogar schon Federn à l'Amériquaine, und die Mode ist bei uns nicht nur Vorkämpfer, sondern Gradmesser der Gesinnung.

Auch Ihre Trabanten haben Sie gewechselt. Der kleine Chevreuse ist wohl jetzt vieux jeu? Ich wäre auch damit zufrieden, wenn ich nicht erfahren hätte, daß der Graf Guibert sich nicht ohne Erfolg um seine Stellung in Ihrem Boudoir bemüht. Er ist zwar im Augenblick sehr à la mode – ein Hofdichter, ein Kriegsgelehrter, ein Herzensbrecher – aber sein Ruf als Freidenker, seine Freundschaft mit Fräulein von Lespinasse prädestinieren ihn zum Spion, nicht aber zum Mitglied unseres Kreises.

Sie haben die Wahl zwischen so vielen, warum muß es dieser sein?

So habe ich mir sagen lassen, daß der Prinz von Montbéliard sich nur darum grollend auf sein Schloß zurückzog, weil eine gewisse reizende Dame ihm ihre Gunst versagt. Er ist mit fast allen Höfen Europas verschwägert, also eine sehr beachtenswerte Potenz. Übrigens ist er hübsch und jung und erstaunlich tugendhaft. Er hätte sich gewiß nicht, wie der Graf Chevreuse, – den vielleicht nur die Verzweiflung über Ihre Untreue dazu getrieben hat! –, an dem berüchtigten Fest der Kavaliere beteiligt, das unter Leitung des Grafen Artois in Gesellschaft der bekanntesten Kurtisanen und im Hotel der Guimard stattfinden sollte. Gott sei dank, daß der Erzbischof rechtzeitig Einspruch erhob! Eine reizende Geschichte übrigens: Hundert der vornehmsten Männer Frankreichs vereinigen sich. Um dem Vaterlande zu dienen? Nein! Der Religion? Noch weniger! All diese Gottheiten der Vergangenheit sind heute veraltet!

Lassen Sie bald von sich hören, teuerste Frau! Der Herr Marquis ist zwar im Augenblick in Straßburg, – erfolgreich beschäftigt mit der Sammlung des einheimischen Adels zu einem letzten Coup gegen Turgot; (die Stimmung ist eine aufs äußerste gereizte) –, er dürfte aber kaum zu Ihrer Intimität gehören.

Graf Guibert an Delphine.

Paris, am 15. März 1776.