Die Ereignisse fordern meine schleunige Anwesenheit in Paris. Dieser Brief, zwischen Nacht und Morgen geschrieben, ist mein schriftlicher Abschied.

Leider muß ich erwarten, daß diese Eile Ihren Beifall findet: Figaro sollte ja Erkundigungen einziehen nach dem »Jugendfreunde«, dem Prinzen Montbéliard. Er wird es tun, und sollte er zu diesem Zwecke den Ozean durchkreuzen müssen! Nur daß er lächelte, als Sie mit dem ernstesten Gesichtchen von dem »Freunde« sprachen, dürfen Sie seiner Menschenkenntnis nicht verargen. Glauben Sie wirklich an eine Freundschaft zwischen Mann und Weib?! Sie ist entweder ein Deckmantel für die Asche ausgebrannter Flammen, oder für die Glut entstehender! Trotz alledem: Figaro hält Wort!

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris, den 5. November 1777.

Meine Liebe! Sie werden inzwischen eingesehen haben, wie sehr ich recht hatte, als ich die Nachricht von unseres Sohnes Erkrankung nicht so tragisch nahm wie Sie und Ihre Abreise von Straßburg zu verhindern suchte. Der Anfall wäre auch ohne Ihre Anwesenheit vorübergegangen. Herr Dr. Tronchin wird Sie gewiß inzwischen über den Zustand des Kindes beruhigt haben.

Erwarten Sie übrigens nicht, daß ich über die eigentliche Ursache Ihrer Abreise und Ihrer Weigerung mich zu begleiten, im Zweifel wäre. An Ihre überschwengliche Mutterliebe werden Sie mich kaum glauben lassen, nachdem Sie sich bis vor anderthalb Jahren um das Kind gar nicht gekümmert haben, und ich seitdem oft genug beobachten mußte, wie Ihr allzu sprechender Blick eher mit einem Ausdruck des Erschreckens als der Zärtlichkeit auf dem Kleinen ruhte. Sie suchen vielmehr jeden Vorwand, um sich von mir fern zu halten. Ihre Auseinandersetzungen über die Gegensätze der Ansichten zwischen uns, die jede Annäherung verhinderten, ist auch nur ein solcher.

Die Ehe ist kein Ministerium, sonst müßten ihre Teile ebenso häufig wechseln, wie ein solches; sie ist aber auch kein Liebesverhältnis, sonst würde sie vollends von kürzester Dauer sein. Sie ist vielmehr ein Bündnis zum Zweck der Förderung gemeinsamer Familieninteressen. Von diesem Standpunkt ausgehend, habe ich ein Recht, Ihre Teilnahme an meinen Bestrebungen, die das Ansehen, den Reichtum, die Macht meiner Familie zum Ziele haben, zu fördern. Daß dazu in erster Linie die Sicherung unserer Erbfolge gehört, ist selbstverständlich. Unser Sohn ist, – ich bin, wie Sie sehen, ebensowenig blind wie Sie –, kein erfreulicher Sproß unseres Hauses. Es ist nicht unmöglich, daß er nicht alt wird. Ich, als der letzte meines Stammes, habe die Verpflichtung, für die Erhaltung meines Geschlechts zu sorgen. Nur deshalb wählte ich ein junges, blühendes Mädchen zu meiner Frau, ohne mich darum zu kümmern, daß sie nichts weniger als eine gute Partie gewesen ist.

Ich denke, Sie verstehen mich jetzt, meine Liebe, und werden, sobald ich zurückkehre, Ihr Benehmen darnach einrichten.