Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires führte mich die Neugierde zu einem gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnöten ein geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrängt eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrünstiger Andacht drückte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Körperteil. Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hände sekundenlang auf die Köpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit klingendem Namen darunter, – die Herzogin von Granville, der Graf von Artois, und sogar einer Ihrer »Freunde«, der Graf Chevreuse –, manche von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen. Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und würden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen: Madame la France, – schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!

Finden Sie nun nicht auch, schönste Frau, daß die Wirklichkeit ein miserables Stück ist?! Wo bleibt die Einheit der Handlung, die Steigerung des Konflikts, die erhebende Lösung?!

Wenn ich nicht wüßte, daß Sie in der Wüste leben, – gibt es außerhalb von Paris etwas anderes? –, ich würde mich dieses Briefes wegen entschuldigen, der mehr für die schwarzen Setzerfinger des Mercure de France, als für die weißen Hände der reizenden Marquise bestimmt scheint.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Paris, 19. Juli 1778.

Ein Brief aus dem Jenseits, meine liebe Marquise, hätte mich nicht mehr überraschen können, als der Ihre! Sie waren verschollen, wohl auf irgend eine selige Insel entführt, in Gesellschaft eines deutschen Philosophen, – kann man deutlicher zeigen, für uns eine Verstorbene sein zu wollen?

Sie fragen nach der neuesten Attraktion von Paris, Herrn Mesmer, bei dem mich Ihr geheimer Berichterstatter beobachtet haben will. Natürlich hat er richtig gesehen. Ich versäume grundsätzlich keine Sensation, weder die Menschenrechte, noch den Magnetismus. Es ist so wundervoll, sich auf die Freiheit berufen zu können, wenn man nichts anderes tun möchte, als was einem gefällt, und auf die Gleichheit, wenn man ein kleines Vorstadtmädchen verführen will! Da ich nun, wie Sie wissen, seit zwei Jahren am Herzen leide, ging ich zu Doktor Mesmer. Er heilte mich nicht, – seinem Magnetismus wirkt offenbar ein stärkerer entgegen! – aber sonst heilt er alles, selbst chronischen Blödsinn. Wir sind infolgedessen in Versailles erstaunlich geistreich geworden. Wollen Sie ernstere Beweise für seine Zauberkünste? Fragen Sie die Gräfin Polignac, die ihre Vapeurs, den Herrn von Champcenetz, der seine böse Zunge verloren hat, die Prinzessin Guéménée, die einen üppigen Busen bekam, und den Herzog von Orleans, dem die Haare wieder gewachsen sind. Am besten tun Sie aber, wenn Sie selber kommen! Mesmer heilt Ihren Sohn von seiner Krankheit, und Paris heilt Sie von der Philosophie.

Seit der Deklaration unseres offenen Bündnisses mit Amerika sind wir der Reden satt geworden und dürsten nach Taten: Der Herzog von Chartres, der im Gefecht von Quessant das erste Pulver gerochen hatte, wurde in der Oper gefeiert wie ein zweiter Turenne. Kriegshelden mit Lorbeeren zu schmücken ist etwas Neues für die Pariser und sich freuen zu können, ist, nachdem sie seit Wochen keine Zeit mehr hatten, lustig zu sein, ein so erfrischender Zustand, daß sie Siegeshymnen singen, wenn ein Franzose einem Engländer auch nur einen Nasenstüber versetzt.

Voltaire und Rousseau zu betrauern war notwendig, in Rücksicht auf unser Ansehen in Europa, aber im Grunde sind Berühmtheiten unbequem. Auch die Kinder amüsieren sich besser, wenn die Alten nicht daneben sitzen. Übrigens hat Jean-Jacques noch seinen letzten Atemzug benutzt, um seinen Rivalen Voltaire, den der Ruhm und der Tod ihm vorgezogen haben, einen Denkzettel auf den letzten Weg zu geben: