Ich will Sie nicht täuschen, Delphine: wenn ich philosophiere wie jetzt, bin ich darum noch kein Philosoph; nur eine Wissenschaft habe ich studiert: die Liebe. Und so gewiß, wie einst, als ich so glücklich war, Daphnis in ihre süßesten Mysterien einzuweihen, weiß ich heute, daß Delphine nach ihr verschmachtet.
Herr von Altenau erzählte neulich mit einem Stolz, als wäre es sein Werk, von den Büchern, die Sie gelesen, von den wohltätigen Anstalten, die Sie in Froberg gegründet haben. Ich sah indessen zu Ihnen hinüber, in Ihr schmales Gesicht, Ihre trauernden Augen und mich fröstelte. Wissen Sie, warum unsere Königin unersättlich von einem Fest zum andern hetzt und nicht genug kühle Edelsteine haben kann, um die heiße Haut zu bedecken? Wissen Sie, warum die Marquise de Nesle und die Gräfin de Pons sich für die chemischen Experimente des Herrn Rouelle begeistern, und warum die kleine Coigny gelernt hat, Leichen zu sezieren?! Weil die Liebe an ihnen vorüberging, weil sie sie – aus Feigheit oder Sittsamkeit?! – vorübergehen ließen! Sie haben einen Gatten –, bedeutet das Liebe haben? Sie hatten wohl auch einen Geliebten –, heißt das die Liebe erschöpfen? Sie ist tief wie das Meer, reich wie das Herz der Erde, mannigfaltig wie ihr Kleid. Ihr Gegenstand mag wechseln, wie die Generationen auf Erden; sie selber bleibt. Aber brächte die Erde keine Menschen hervor, existierte sie dann? Wer sähe, wer fühlte, wer besänge ihre Pracht!
Frauen altern rascher als Männer, sagt man. Weil Männer länger lieben. Ninon de l'Enclos war ewig jung, weil sie immer liebte.
Wird Daphnis gestatten, daß ich Delphine in meine Schule nehme?
Johann von Altenau an Delphine.
Paris, den 25. August 1778.
Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und verlangten von mir, daß ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nähe meide, weil Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen widerstehenden Magnetismus gefährdet glaubt! Obwohl ich genau weiß, daß Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und meine Zweifel fürchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen könnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich hätte mich sonst vielleicht nicht beherrschen können.
Während eines unserer letzten langen Gespräche sagten Sie: »Wie viel glücklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; für uns ist sogar der Himmel leer geworden!« Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu füllen, auf Hexenmeister und Zaubersprüche zu vertrauen, wie im dunkelsten Mittelalter? Sie sind müde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nächten, erschöpft von selbstquälerischen Gedanken; sonst würden Sie nicht an all der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark gemacht hat. Sie arbeiten an dem gräßlichen Werk der Selbstzerstörung, und das alles um eines Geschöpfes willen, das schlimmer ist als ein Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt für Unheilbare am besten untergebracht wäre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich weiß, Sie antworten wie so oft: »Was habe ich dann noch vom Leben?« Das Leben, Delphine! Als Ihr Freund, der seinen kühnsten Traum, Ihr Führer in eine neue Welt sein zu dürfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.
Sie klagen um die entgötterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die alle Götter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewährt sichereren Schutz, als je ein Gott hat gewähren können, und verleiht stärkere Kraft als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem Innern lesen können, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein verschüttetes Gefühl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glückes, so daß ich nicht sehen wollte, was ich sah. Jetzt, da ich weiß, daß ich die Frau, die ich mit der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will ich sie wenigstens vor ihrem größten Feinde, sich selber, retten.
Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen verlassen glaubte.