Jedes Wort, das ich schreibe, stößt mir den Stahl tiefer ins Herz. Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glück.
Johann von Altenau an Delphine.
Paris, am 18. September 1778.
Wie soll ich Ihnen danken für die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen. Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie, vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, daß ich mich über meine eigenen Gefühle täusche –! Ich soll Ihnen weiter ein Freund sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.
Ich möchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber versuchen, unsere Gespräche von einst fortzusetzen, also möglichst unpersönlich zu sein. Die Eindrücke, die ich bei der Rückkehr in meine alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt werden zu müssen.
Seit dem Tode unserer großen Vorkämpfer herrscht eine tiefe Depression der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenüber, finden eine beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgäre dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einfluß verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopädisten vorüber sein, ohne daß aus ihrem Samen die Frucht erwächst, für die wir allein gearbeitet haben?
Die Verfolgungen früherer Tage haben sie groß und stark gemacht. Um sich vor ihnen zu schützen, galt es alle Kräfte anzuspannen, galt es, sich fest zusammenzuschließen und mit dem Feuer ernster Überzeugung die geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des öffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopädie errichtet werden, von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum übersahen und allen Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, daß die Männer, die dieses Werk geschaffen haben, heute für den Mercure de France Tagesartikel schreiben?!
Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau über die Scheiterhaufen, auf denen ihre Bücher immer noch verbrannten, triumphierte, wo unterdrückte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft und Gerechtigkeit oft genug über alle Gewalthaber der Welt den Sieg errang.
Die Verfolgungen ließen nach; einige Prinzipien der Philosophen gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die Samenfäden von Bäumen und Blumen, von ihnen losgelöst und erfüllten die Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus Trennung von den Enzyklopädisten machte die innere Zerrissenheit zu einem öffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus Holbachs und seiner Anhänger zeigte deutlich, daß auch die mit solcher Sicherheit verkündeten Überzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem Boden stehen.