Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles selbst hörten auf, die Philosophen zu fürchten. Voltaires Triumphtag in Paris war seine Niederlage.
Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im Café de la Régence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich lange unterhielt. Er lachte über meine Niedergeschlagenheit – kein freudiges, sondern ein hartes Lachen. »Was tut's, daß Rousseau ein Schwächling, Voltaire ein Verräter seiner eigenen Lehre war,« sagte er, »die Ideen der Denker zeugen erst die Männer der Tat.« Ich glaubte, er spiele auf Necker an, dessen Tätigkeit im Volk eine so laute Anerkennung findet. Er lachte noch einmal. »Necker?!« rief er höhnend, »ein Mensch, der in seinen Schriften und öffentlichen Reden dem Volke schmeichelt, und im geheimen mit dem König die Waffen des Despotismus schleift!«
Am Abend führte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher Diskussionen war. Junge Leute aus dem Bürgerstande überboten sich in wüstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst, Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg, – nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mißmutig wandte ich mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. »Sind das Ihre Männer der Tat?« frug ich ihn. »Gewiß,« antwortete er; »um bauen zu können, muß man erst einreißen.«
Vor dem Palais-Royal begegneten wir übrigens dem Marquis, der sich zu spät in seinen weiten Mantel hüllte, um nicht erkannt zu werden. »Er ist ein häufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter,« sagte Herr Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, daß eine solche Entdeckung Sie vollends jeder Rücksicht entbindet. Ich werde natürlich nicht versäumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen ihn liefern zu können.
In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals vier Wochen hinauszuschieben!
Graf Guibert an Delphine.
Paris, den 25. September 1778.
Ihre Rückkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schönsten Hoffnungen erfüllt. Paris ist sehr öde geworden in den Jahren, die Sie fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie selbst fühlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der nüchternen klugen Frau, dem frühreifen Töchterchen, dessen schriftstellerische Leistungen die Gäste zu bewundern genötigt wurden. Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die des neunzehnten sein sollte, so möchte ich es nicht erleben.
Übrigens ist der Salon Necker typisch für alle jene vielen anderen, die heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Künstler protegieren und Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur für die anderen anziehen, in der Intimität der Familie aber den ganzen Tag im Negligé bleiben, so schmücken sie ihre Zimmer mit berühmten Namen nicht zur Bereicherung ihres eigenen Lebens, sondern für den Eindruck nach außen. Sie können nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Daß aber Künstler und Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen geistiger Dekadenz.
Das Theater bestätigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende entblößte Glieder sollen uns darüber trösten, daß die Stücke nichts als Mittel zu diesen Zwecken sind.