Ich schlage Ihnen vor, schönste Frau, all diese mäßigen Vergnügungen aufzugeben und unsere jählings unterbrochenen Ritte in die freie Natur wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von Paris zu entfernen, – seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem Winter entgegengehen sieht, – muß man sich von den erregten Landleuten fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander überbieten, durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Gründung von Hospitälern und Asylen der Not abzuhelfen, läßt die Hast, mit der es geschieht, so viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schließen, daß die Empörung der Geister dadurch eher geschürt, als unterdrückt wird. Auch werden jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen lassen, während die Ideen der Menschenrechte schon ihre Köpfe erhellen.

In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu fürchten haben, und ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder röten zu sehen, – ein um so holderer Anblick, als er uns Männern durch das stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natürliche Farbe ihrer Haut versteckten, ein so vollkommen neuer ist.

Graf Guibert an Delphine.

Paris, am 30. Oktober 1778.

Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gütig genug, mir durch ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, daß ich nicht mehr um Sie zu zittern brauche.

Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglückseligen Ritt. Ich glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das rieselnde Blut aus Ihrer weißen Stirn vergebens zu stillen suchte; obwohl Sie die schönen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne daß die Angst um Sie mir jede Ruhe benahm. In meiner ersten Verzweiflung erschoß ich den Rappen, der Sie trug; er starb unschuldig, aber ich hätte ihn nicht mehr sehen können.

Wie es möglich war, daß das ruhige Tier ohne jeden äußeren Anlaß über Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schließlich beim Sprung über die hohe Hecke zu überschlagen, ist mir noch heute ein Rätsel.

Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mögliche Heilung Ihres Sohnes, von der Sie erzählten, machte mich mit Ihnen froh. Und der Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer Freude. Ich konnte an diesem Tage nur über Dinge sprechen, bei denen sich's lächeln läßt. Noch ganz erfüllt von der Neuigkeit, teilte ich Ihnen mit, daß unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in Amerika einzuschiffen im Begriffe wäre, um ihre Kräfte für den französisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfügung zu stellen. In diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich gerichtet, als wäre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd, als ob Sie stürzen wollten!

Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, während unserer Ritte das Gespräch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte. Heute, holde Frau, wo die Freude über das Glück Ihrer Genesung mir jede Zurückhaltung unmöglich macht, können Sie mich nicht hindern, Ihnen zu sagen: wären Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.

Johann von Altenau an Delphine.