[CAGLIOSTRO]


Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

Petersburg, am 2. Juli 1779.

Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jünglings kaum mehr entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem kühnsten Schäfer vergeblich zu entreißen versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weihekuß, während ich im stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den düsteren Gedanken erwog, nächtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu verschwinden.

Der plötzliche Tod meines älteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am Hofe des Großfürsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer Güter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz, meine gütige Herrin, die Großfürstin, verlassen zu müssen, durch die Freude auf die Rückkehr in die Heimat gemildert wird, so trägt der Gedanke an Sie, deren Schönheit und liebenswürdige Gastfreundschaft ich oft genug rühmen hörte, viel dazu bei.

Aber ich wäre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in Straßburg jetzt schon anzukündigen, wenn nicht die Großfürstin mich beauftragt hätte, Ihnen in Erinnerung an die schöne Zeit gemeinsamer Jugendtage in Montbéliard und Etupes die herzlichsten Grüße zu übermitteln. »Sagen Sie der Marquise, daß Sie meinen scheidenden Kammerherrn als meinen Freund empfangen möchte,« war sie gütig genug, mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit während des lange geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder anzuknüpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hörte sie von dem Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.

Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wäre ich doch imstande gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie schon von der außerordentlichen Erscheinung gehört, die plötzlich hier auftauchte, ohne daß jemand zu sagen vermocht hätte, woher sie kam, welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.