Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob wir nicht diesem Beispiel folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus. »Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern würden, ohne pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich sehe nur eine Möglichkeit, um zum Ziel zu gelangen —,« er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.
»Die wäre?«
»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte man die Zeitung ins Leben rufen —«
»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, daß er nur einen Moment hatte zögern können. Er sah mich forschend an.
»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? — Mit dem Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben. Wir können bei dem neuen Unternehmen alles verlieren —«
»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« antwortete ich ernst. »Aber mir scheint, gegenüber der Größe der Aufgabe fallen persönliche Bedenken nicht ins Gewicht.«
Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien der seine mit jedem Mißlingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zögernden Antworten mich deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur noch leise geglimmt hatte, glühte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich, daß eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.
»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen den Geschlechtern,« hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie — das einsame alte Mädchen — wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe ist Hingabe an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das sie empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der Doktorin beider Rechte schlägt. Darum wird die erotische Treue um so seltener sein, je stärker das Weib sich geistig und seelisch individualisiert.
Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich mich in meine Arbeit; nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem ich das Honorar dafür nicht mehr würde entbehren können, sondern mehr noch, weil das Buch vollendet sein mußte, ehe die neue Aufgabe — die Zeitschrift meines Mannes — an mich herantrat.
Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich mir ohne Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches Lächeln, keine herunterhängenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann sie im Grunde wertet.