Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto höher türmten sich die Probleme der Frauenfrage um mich auf, — die sozialen, die ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als kröche ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um das andere vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen rüstete und mein Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang und bat und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal bei mir, — Mamachen, bitte, bitte, erzähl' mir nur eine einzigste schöne Geschichte —,« dann erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie gläubig hatte ich früher den alten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie von jenen Amerikanerinnen erzählten, die ihre Pflichten als Mütter, Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener Advokatin, die neben ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen großen Haushalt allein geleitet haben sollte.
»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. Und doch war ich selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.
Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, bei mir zu bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. Ich konnte ihr nicht dankbar genug sein.
Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der Fabrik, während die Straße ihrer Kinder Hüterin ist und sie gezwungen sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für sich und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar die wirtschaftliche Selbständigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens und des Kinderglücks nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit des Weibes vom Mann.
Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine Untersuchung über die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: überall war es die bittere Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf und dem Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl ließ. Und alles deutete darauf hin, daß ihre Zahl ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im Augenblick so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. Es galt auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter zurückzugeben, und auf der anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, — fest überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein würden, ihm näher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung würde die notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht herbeiführen.
»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte Heinrich eines Tages, als ich in meine Grübeleien ver sunken nach Hause kam. »Wir sind zur Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, — France und Jaurès werden dort sein —«
»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« antwortete ich mißmutig.
»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der Regel zu entschuldigen,« meinte er. »Eine genossenschaftliche Gründung der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: irgend etwas, halb Unbewußtes, packte mich.
In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse lag ein altes kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen Anstrich, mit den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an den Fenstern sah es lustig aus wie ein altes Männlein, das goldene Hochzeit feiert. Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.
»Daß wir es erreicht haben, — endlich!« sagte glückstrahlend einer der Leiter. »Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um den zahllosen arbeitenden Familienmüttern ein gutes und billiges Mittagsmahl zu verschaffen.«