Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; er sah mich verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben gegeben hatte.

Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, hinter ihm die elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen über die große schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,« stellte Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gespräch.

»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte er; »je mehr die Bourgeoisie an Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns Intellektuelle. Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«

»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind —,« antwortete ich.

Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, das sprichwörtlich reich an hungernden Dichtern und arm an Männern ist?!«

Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, überflog es wieder und wieder und reichte es Jaurès: »Ich bin kein Redner und soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« Dabei stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte Gesicht des berühmten Mannes.

Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, daß die vielen Menschen um uns herum mit den selbstverständlich guten Manieren, dem freimütigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich sah es erst allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig vernähten Flicken auf den Kleidern. Und doch aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt würden.

France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem so warmen Ton in der Stimme, daß er alle gefangen nahm. Und dann wußten sie auch von ihm: »Unser großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, und ein paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die Veilchensträußchen, die sie im Gürtel trugen.

Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, war mein neuer Plan fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« nannte ich ihn. In den Arbeitervierteln der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit einer Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert. In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften müßte der Anfang damit gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der Mutterlosen sollten sich anschließen; die genossenschaftliche Wirtschaft, der Einkauf im Großen müßte, so berechnete ich, die Kosten für die anzustellenden Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen würden sich allmählich bereit finden, solche, für die physische und moralische Gesundheit der Bevölkerung überaus wichtige Häuser selbst zu bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden. Und was für die Arbeiterin galt, das galt ebenso für die geistig tätige Frau. Ich war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mußte ich damit hervortreten.

Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß ich an der Hand der neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschüre über die für die Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren möchte, ob nicht etwa von anderer Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche Details gab ich ihr nicht.