Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit längerer Zeit mit der Bearbeitung der Frage beschäftigt sei. »Ich habe mich nunmehr entschlossen,« fuhr sie fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als selbständige Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die grundsätzliche Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die Veröffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung derselben Frage beabsichtigt wird...«

Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt haben würde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, — mir würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.

Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.

Schwer und grau hing der Winterhimmel über Paris. Zuweilen tanzten weiße Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte; aber die schmutzige Straße verschlang sie. Die Obst- und Gemüseauslagen, die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mädchen mit den schönfrisierten Köpfchen, die vor kurzem noch lachend und kokettierend mit spitzen Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt waren, liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen Gesichtern.

Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen könnte! Aber nach wie vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und saß mit eisigen Füßen in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris war, in dem ich lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich die schmutzige Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht und frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinübergingen, wo die Bogenlampen festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde Gewänder prahlend ihre Schönheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen, aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie seltene Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, — nur zum Schmuck einer Nacht gezüchtet, — dann fühlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens einen stechenden Schmerz.

Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt arme junge Mädels; sie warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von den Rädern mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu erhaschen.

Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, — auch bei Millerand, — und waren mit einer Liebenswürdigkeit empfangen worden, als wären wir längst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar förmlichen Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen. Während mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer Gastgeber empfand, fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner Jugend zurückversetzt und verstand sie.

Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des Benehmens, jene Liebenswürdigkeit der Form, die zugleich eine unübersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persönlich Menschliche verbirgt.

Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwüstlicher Schönheit, und ihre Küche war berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast du dich denn nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.

»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich nicht fürchten müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, —«