»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, »du weißt, daß du mich immer entzückst, wenn du du selber bist.«

»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, daß ich die Rolle des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, — und wäre es die interessanteste, — unerträglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu erfahren, daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und ihrer Toilette steigt und fällt, aber da ich auf dem Gebiet nicht konkurrieren kann —«

Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« war alles, was er sagte, während die Röte der Beschämung mir noch auf den Wangen brannte.

Ein andermal folgte ich der Einladung einer der führenden Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon lange die Energie, mit der sie die Frauen — französische Frauen! — zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite der Zola und Jaurès an dem Kampf für Dreyfus teilgenommen hatte. Ich erwartete unwillkürlich eine typische Feministin: harte Züge, eckige Bewegungen, männliche Kleidung. Schon die Räume, die ich betrat, überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfüm eines eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorüber, — sie hätten ebenso beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam die Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wäre, ich hätte mich nicht gewundert. Ihre Schönheit hatte trotz aller statuenhaften Kühle, — oder vielleicht gerade deshalb, — etwas Sieghaftes.

»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker müssen wir unser Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf des Gesprächs. Ich stimmte ihr lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug glaubten zeigen zu müssen.

»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die Pflege der Schönheit kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trägerinnen der Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben keins von beiden.«

»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft ein und führte mich, um ihre eigene Tätigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in den Setzersaal, wo lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die hübschen Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören können. Ihre Augen folgten mit schwärmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich hörte später, sie sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben, wenn ihre Sinne glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man mir mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte dieser Typus, der mir in Deutschland nicht würde begegnen können. Ich versuchte, ihr näher zu treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, — aber unnahbar.

Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulösen und vor mir zu stehen wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, mit dem ich auch innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Höhe, von der aus ich nun weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer enger um die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genährt von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte gefunden zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen meines Inneren.

»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« sagten sie.

»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du dich selbst hingibst,« frohlockte die Hoffnung.