Ich glaubte ihr.

Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich während der letzten acht Tage, daß ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden Morgen mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde mir zum Führer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, die ein Soldat war«. Ich lächelte: war es doch meiner frühsten Kindheit Traum gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher, Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir; sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, — unbeirrt; aus dem Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch größer.

»Die Jungfrau von Orleans, — ist das ein Märchen?« fragte der Kleine, als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, und sah mit nassen Augen zu der Reiterin empor.

»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.

»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« Auf seine glatte Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.

»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich leise, wie zu mir selbst.

Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein breiter Strom bläulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um den roten Porphyr, der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der Gang ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dämmer zurückzutreten. Mit leiser Stimme erzählte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb — in Ketten.

»Auch weil — weil —« das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren Sinn er nicht verstanden hatte; »weil er zu groß war für die anderen,« ergänzte ich.

Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grüne Spitzchen lugten neugierig an Büschen und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die Kinder mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die Gärten.

Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Größten aller Zeiten gesehen und fühlte meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der Kunst kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind, die sie betrachten. Nur der Künstler hat recht, dem sie immer Objekt bleibt, der im Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche findet.