Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, — sie hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den bürgerlichen Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller Lebensmittel Front zu machen —, so wollte sie wenigstens nichts versäumen, um ihre Folgen abzuschwächen, oder, — das war die Hoffnung der Optimisten in ihrer Mitte, — die Entscheidung so lange hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter sie zu fällen haben würden. Sie wußten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als Agitationsmittel vor die Wählermassen treten könnten, so würde eine verstärkte Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre politischen Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr, als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon hatten sie versucht, durch eine Umänderung der Geschäftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen, — umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen Anträgen. Die Empörung stieg bis zur Siedehitze. Und jetzt, — darüber war kein Zweifel, — hatten die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen ein Mittel gefunden, das den Einfluß der Opposition endgültig lahmlegen sollte.

In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch öder, noch farbloser erscheinen ließ, warteten wir auf unsere Tribünenkarten. Abgeordnete eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in Soutanen, schwere Mappen unter den Armen, mit müden, überwachten Gesichtern, oder sie gingen flüsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die Köpfe zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre Stimme im Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt näherte sich uns: Ignaz Auer.

»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte er, indem er uns kräftig die Hände schüttelte; »heute platzt hier irgend eine Bombe. Und da müssen Sie dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, der den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem weichen Teppich und seiner braunen Täfelung behaglich gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches hastiges Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung erhalten hätte. Wir setzten uns.

»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten Sie davon?« wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich mit der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott seine Lippen kräuselte.

»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! — Übrigens,« fügte er lauter hinzu, »ich kenne den Wahlkreis: Äcker, nichts als Äcker, und Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, — kurz, ein böser Winkel.«

»Aussichtslos?« fragte Heinrich.

»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben wir beide seine Eroberung nicht.« Ich biß mir ärgerlich die Lippen, — ich hatte erwartet, daß er zureden würde.

Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war eröffnet. Wir stiegen zur Tribüne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte Erwartung lag auf allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die Hauptführer im Kampf. Allmählich füllte sich unten der Saal. Das gelbgraue Licht, das von den farblosen Wänden und der tiefen Glasdecke ausstrahlte, ließ alle Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.

»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben mir. Daß man so oft für vornehm hält, was nur kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher Gebäude sollten den psychologischen Einfluß der Farben auf die Menschen studieren. Vielleicht würden dann manche Parlamentsverhandlungen und Gerichtsbeschlüsse anders ausfallen.

Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einförmiger Langsamkeit über die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzöllen berichtete. Niemand hörte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen zur Tür, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf an die hohe Lehne. Der Berichterstatter schloß. Graf Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr in die Beratung des Zolltarifs ein ...«