„Dies muß ein Irrtum sein; ich habe ihn vor meiner Abreise noch besucht; er hatte niemand bei sich als seine Frau und Kinder, hat auch nie von einem Neffen gesprochen. Doch — warten Sie! Ja, vor langer Zeit, ehe er heiratete, sagte er mir, er habe einen Neffen gebeten, zu ihm zu kommen, aber der Schlingel wollte nicht.“
Arme Martha! Für das, was man nun noch sprach, war sie taub und gab dem Nachbar einige recht verkehrte Antworten. Was war das? War Siegfried unterwegs verunglückt? Hatte er von der Verheiratung des Onkels gehört und sich wo anders hingewendet? Bis jetzt hatte sie wenigstens für ihre Gedanken einen Zielpunkt gehabt, die Gegend, in welcher sein Onkel sich niedergelassen; nun war auch dies vorüber. Ach, so oft hatte sie versucht, sich innerlich gefaßt zu machen auf ein Leben ohne ihn; jetzt merkte sie, wie die Hoffnung im Hintergrunde ihres Herzens immer noch gewohnt und ihre Zauberfäden gesponnen hatte. Sie sehnte sich ganz unaussprechlich nach einem Wesen, dem sie sich mitteilen, bei dem sie sich ausweinen könnte. Sie ergriff die Feder, um Suschen alles zu erzählen; da kam der Briefträger und brachte ihr einen Brief der Freundin. Sie zeigte den Tag ihrer Hochzeit an und bat, daß Martha ihrer fürbittend gedenken möge, da sie doch leider, leider nicht dabei sein könne. Auf diesen Brief konnte sie keine klagende Antwort schicken; er war so glücklich, so strahlend glücklich bei allem Ernst.
Fanny ruhte auf ihrem Lager, wie gewöhnlich nach Tische, Martha schlich sich ins grüne Hausgärtchen; nicht weit vom Bienenstand war eine Laube, da konnte sie sich ausweinen.
Ach, ihre Thränen flossen unaufhaltsam! All’ die zurückgedrängte Sehnsucht der letzten Jahre wollte zu ihrem Rechte kommen. Sie schluchzte wie ein Kind und erschrak sehr, als der Eingang der Laube durch einen Schatten verdunkelt wurde. Es war nur die Anna.
„Haben das Fräulein Kummer?“
„Ja, Anna, den hab’ ich!“
„Ist Euch was Liebes tot, oder sollt Ihr Euer Schatzerl nit haben? Sagt’s den lieben Heiligen, die hab’n schon oft geholfen. Jetzt hab’ i halt kai Zeit zum Bete; aber wenn i na Haus komm’, will ich’s wohl der heiligen Anna sagen; die ist sehr gut und hilft schon!“
Martha hätte sagen können, daß sie lieber Gott anrufen solle; aber Anna hatte eine so kindliche Zuversicht auf die heilige Schutzpatronin, daß sie es nicht übers Herz brachte, sie darin irre zu machen; sie dachte: wenn sie so warm und gläubig zur heiligen Anna spricht, sieht es vielleicht der himmlische Vater an, als sei es ihm gesagt, und so sagte sie: „Ich danke Ihnen, Anna, thun Sie das!“
Als aber Anna fort war, kam es doch wie eine stille Freude über sie, daß sie ja keine heilige Fürsprecherin brauchte, daß sie konnte und durfte gerade zu ihrem Vater gehen und ihr Herz vor ihm ausschütten; sie that es, und das hilft jedesmal. Wenn auch ihr Herz nicht leicht danach wurde, es wurde doch stille und ergeben, und sie konnte mit dem warmen, aufrichtigen Vorsatze zu ihrer Pflegebefohlenen zurückkehren, die Wolken und das Weh für sich zu behalten und so viel Sonnenschein als möglich auf Fannys Lebensweg auszugießen. Wenn sich der Sturm im Innern gelegt hat, tritt auch die Besinnung und verständige Überlegung wieder in ihr Recht und entkleidet das Erlebte von allen Übertreibungen der Phantasie. Was hatte sie denn so Schlimmes vernommen? Nur, daß Siegfried nicht bei seinem Onkel war; konnte er nicht an irgendeinem anderen Orte sich eine Existenz gegründet haben? War es denn unmöglich, daß er dennoch zu ihr zurückkehrte?
Um vieles beruhigt holte Martha ihre Schülerin ab zum Kaffee in dem kleinen Saal. Sie fanden neue Ankömmlinge: eine sehr durchsichtig und zart aussehende Mutter und ein rosiges Töchterchen von etwa dreizehn Jahren; Frau Präsidentin v. B. und ihre Tochter Friedericke.