Die beiden Kinder betrachteten sich schüchtern, aber mit sehr vergnügten Gesichtern. Frau v. B. sah mit mütterlicher Teilnahme auf das zarte, hilfsbedürftige Mädchen, und nachdem es Martha ihrem Zöglinge so bequem als möglich gemacht, veranlaßte sie die gegenseitige Vorstellung.
„Siehst du, Friedericke, da ist ja ein junges Mädchen, wie du es dir gewünscht hast.“
Friedericke nickte.
„Ich kann freilich noch nicht mit herumspringen“, sagte Fanny, „aber ich lerne es bald; ich kann jetzt schon vom Freihof bis zur Kegelbahn laufen.“ Dabei sah sie sehr stolz und glücklich aus.
Frau v. B. erkundigte sich sehr teilnehmend nach dem Leiden der Kleinen und erfuhr, daß sie von hier nach Ragatz oder Pfäffers gebracht werden sollte.
„Ach, wenn es doch Pfäffers wäre“, rief Friedericke; „dort badet Mama einige Wochen, und dort ist es so — ach so — ich weiß gar nicht, wie ich sagen soll — so geheimnisvoll und schauerlich und doch so schön! Man wohnt eigentlich bei den Erdgeisterchen selber. Ach, Fanny, bitte immer zu, daß ihr nach Pfäffers kommt; es wird so sehr hübsch sein, dort Gesellschaft zu haben.“
Friederickens lebhafte Schilderungen waren ganz dazu gemacht, Fannys Verlangen nach dieser Wunderwelt zu steigern, und sie hoffte ihre Mutter zu überreden, auf ihre Wünsche einzugehen.
Es war sehr ergötzlich, zu sehen, wie die beiden Kinder sich mit jedem Tage näher kamen. Friedericke kannte bald keine größere Lust, als ihrer schwachen Gefährtin all’ die kleinen Dienste zu leisten, deren sie bedurfte, sie an ihrem Arm auf ihr Zimmer zu führen oder aus demselben abzuholen. Fanny ließ sich das sehr gern gefallen, aber der Wunsch erwachte in ihr, es vergelten zu können, und als die Präsidentin eines Tages sehnend nach ihrer Handarbeit ausschaute, welche auf einem fernen Tische lag, stand sie leise und unbemerkt auf und fühlte mit innerlichem Frohlocken, daß es nicht mehr zu schwer für sie war, dieselbe zu holen und der Eigentümerin zu bringen. Diese sah sie überrascht und sehr erfreut an, aber das Kind erglühte förmlich in Wonne; es war das erste Mal, daß sie jemandem einen Dienst hatte leisten können.
Die Unterrichtsstunden mußten natürlich hier in freierer Gestalt gegeben werden wie zuhause, aber Martha hatte sie nie ganz fallen lassen. Jetzt fragte Frau v. B., ob Friedericke nicht daran teilnehmen dürfe; sie war natürlich viel weiter, aber immerhin ließen sich Gegenstände auffinden, die beide Kinder gleichmäßig interessierten, und Martha fand, daß die Gemeinschaft ein herrlicher Sporn für Fanny war.
Frau v. Märzfeld und ihre Töchter hatten häufig Nachricht gegeben; sie hatten den Züricher See besucht, den Vierwaldstädter See mit seinen herrlichen Umgebungen, auf dem Rigi mehrere Tage zugebracht, und waren jetzt seit einigen Wochen in Montreux am Genfer See.