„Aber nun“, schrieb Lucie, „kommen wir auf dem nächsten Wege. Wir sehnen uns nach dem Kinde und etwas mehr Ruhe, und werden im Laufe der nächsten Woche eintreffen, um mit Euch nach Ragatz oder Pfäffers überzusiedeln.“

Fanny jubelte, und auch Martha, obgleich sie sich sagen mußte, daß ihr Leben ferner nicht in so angenehmer Ruhe verlaufen werde, wie es jetzt der Fall war, freute sich doch mit aufrichtigem Herzen darauf, der Mutter und den Schwestern die Fortschritte zu zeigen, welche des Kindes Genesung inzwischen gemacht hatte.

Ein wunderbar schöner Tag stieg nach mehreren recht unfreundlichen über Heyden auf; die sämtlichen beweglichen Pensionsgäste beschlossen eine Tour auf den Kaien zu machen, unter Führung ihres Wirtes; da oben sollte eine herrliche Aussicht auf das Gebirge sein. Marthas Herz schlug in großem Verlangen. Eine Stunde vor Tische ließ Frau v. B. sie rufen.

„Mein liebes Fräulein Martha“, sagte sie, „ich habe eine große Bitte. Mein Kind ist nun schon wochenlang hier und hat noch keinen Blick aufs Gebirge gehabt. Ich möchte ihr so gern den Spaziergang heute gönnen, aber sie nicht allein mit den fremden Gästen gehen lassen. Ihr kleiner Zögling brennt ebenfalls vor Verlangen, Ihnen den Genuß der Bergfahrt zu verschaffen; und so haben wir uns zusammen ausgedacht, wir wollten diesen Nachmittag tauschen: Sie nehmen meine Wilde unter Ihren Schutz bei der Bergbesteigung, und Fanny kommt als meine Tochter zu mir, bis Sie wieder da sind.“

Dies war verlockend. Es stiegen wohl Bedenken in Martha auf: „Wenn ich nur hätte Frau v. Märzfeld fragen können!“ Aber das ging ja nicht. Fanny und Friedericke baten und drängten; sie selbst war überzeugt, daß Frau v. B.s Aufsicht die ihrige überreich ersetzte. Ach, und sie war so glücklich in Erwartung der Gebirgsaussicht — sie gab nach und ging mit. Der Wirt führte so an der Berglehne hinauf, daß man unterwegs keine andere Fernsicht hatte als den Rückblick auf Heyden; der Pfad war meistens sehr steil und oft schattenlos; die Sonne brannte, aber die Aussicht winkte und die Gesellschaft überstand die Strapazen mit fröhlichem Mute. Jetzt noch durch dies Buschwerk, jetzt diesen Rand hinauf! und Martha stand oben und legte die Hände zusammen und ihre Augen füllten sich mit Thränen, denn sie umfaßten in ihrem engen Rahmen ein Bild, wie es die Phantasie nicht schöner hätte malen können.

Da lagen sie ihr gegenüber, die Schneefelder des Säntis; da ragten die riesigen Nachbarn desselben, der Kamor, Hohekasten, Altemann, Tödi in die blaue Luft; weiter östlich die Vorarlberger und Lichtensteiner Gebirge; in der Ferne die weiße Kette des Rhätikon mit der Sasaplana. Auf der anderen Seite dehnte sich am weiten, blauen See der Thurgau aus mit Trogen, Vöggeliseck, Speicher; darüber weit in der Ferne der Pilatus und der Rigi.

„O, hätt’ ich Flügel, hätt’ ich Flügel!“

Friedericke neben ihr sprang hoch in die Luft und stieß einen Juchzer aus, als habe sie denselben vom Senn erlernt; Martha konnte nicht sprechen. O, dieses eine Bild, war’s nicht genug, um lebenslang manche einsame Stunde mit seinem Lichte zu erhellen? Sie sah und sah; sie hätte nichts davon verlieren mögen, auch nicht das Kleinste.

„Komme Sie doch hier hinter den Stein und nehme Sie a Schöppeli Markgräfler!“ rief der Wirt wieder und wieder.

Der Rat war gut, aber es dauerte lange, ehe unsere jungen Gefährtinnen den Entschluß faßten, sich von der herrlichen Aussicht loszureißen und Ruhe und Erquickung zu suchen. Dann war es behaglich, nach der Anstrengung im Schatten zu sitzen, sich an den mitgebrachten Erfrischungen zu laben und mit den Reisegenossen heitere Gespräche zu führen. Die Gesellschaft wurde sehr vergnügt und niemand merkte, daß sich der Himmel umzogen hatte, bis die Stimme aus den Wolken vernehmlich zu reden anfing. Da sprang denn freilich alles auf die Füße; noch einmal ward die Rundschau genossen, aber nur sehr flüchtig. Das Wetter zog vom Rheinthal herauf, und der Wirt meinte, es könne „a rechts“ Wetter werden; von da könnt’ es oft nicht über den See: „Wir müssen auf die Sennhütten zu halten!“