Dies geschah ohne Besinnen; sie lagen nicht allzu weit unterhalb der Berghöhe, und mit den ersten schweren Tropfen wurde man eingelassen in den zwar nicht mit Bequemlichkeiten ausgestatteten, aber immerhin trockenen und geschützten Raum. Es war sehr gut, ein Dach über sich zu haben; der Regen fiel in Strömen nieder und prasselte auf das Schindeldach und gegen die kleinen Fenster; der Sturm brüllte, als wollte er das Häuschen mit sich entführen; ein leuchtender, greller Blitz jagte den anderen und der Donner rollte majestätisch durch den Aufruhr hin, seine Stimme pausierte höchstens minutenlang, wie um Atem zu schöpfen. Die Gesellschaft lauschte still der großartigen Musik; selbst Friedericke, die so gern lachte, schmiegte sich ernsthaft an Martha an. Diese, äußerlich gefaßt und ruhig, wurde innerlich sehr gequält durch die Sorge um Fannys Angst und infolge davon um ihre Gesundheit. Sie sah mit Sehnsucht nach dem kleinen Streifchen Himmel, welches zu sehen war, ob es noch nicht heller werden wollte, — vergebens! Wenn der Sturm eine Minute geschwiegen, brüllte er in der nächsten mit vermehrter Gewalt; wenn die Stimme des Donners ferner zu klingen schien, grollte sie gleich danach aus einer anderen Ecke um so näher. Stunde auf Stunde verrann: zur Finsternis des Himmels gesellte sich bald das Dunkel des hereinbrechenden Abends und endlich die Finsternis der Nacht.
Da endlich wurde es stiller; der Donner rollte ferner und ferner, blasser und blasser leuchteten die Blitze, einzeln nur noch fielen die Tropfen aufs Dach, dann hörte man keinen mehr.
Man öffnete die Thür der Hütte; durch die zerrissenen Wolken blickten einzelne Sterne, die Luft war unbeschreiblich schön und frisch, aber der ganze Berg nur ein einziger großer Wasserfall. Der Wirt und die Sennerin erklärten es für völlig unmöglich, hinabzugehen, bevor man Tageslicht habe. Letztere holte frische Milch herbei, erbot sich auch, Schmarren zu backen, wenn man es wollte. Es wurde dankend angenommen und fröhlich verzehrt, nur Martha lag es wie ein Alb auf der Brust und sie stieß mehrmals hervor: „Ach, wie sie sich zuhause ängstigen werden!“
„Ich glaube nicht so sehr“, sagte Friedericke. „Mama weiß, daß wir in Gottes Schutz sind und bei verständigen Menschen; Anna wird ihr gewiß von den Sennhütten erzählen, und sie werden es sich denken, daß wir hier sind. Geben Sie acht, sie tröstet auch Fanny und läßt sie nicht von sich.“
Das klang alles ganz wahrscheinlich, aber es war ihr Gewissen, das ihr die Zuversicht raubte; das ganze Erlebnis kam ihr vor wie eine Strafe ihrer Untreue und sie konnte sich die Folgen desselben nicht schwarz genug ausmalen. Die Vorbereitungen zur Nachtruhe waren etwas schwierig; die Gesellschaft bestand aus etwa zehn Personen. Die Herren mußten sich mit ihren Plaids in der Nähe des Herdes einrichten, die Frauen wurden oben im Heu untergebracht; dort war es sehr warm, und eine dicke, nicht mehr junge Dame, der noch dazu die Sennerin ihr eigenes Lager abgetreten hatte, stöhnte unaufhörlich, während zwei junge Französinnen durchaus nicht aus dem Lachen kommen konnten. Friedericke war bald eingeschlafen; Martha saß, sorgte, bat den lieben Gott um Vergebung und rief ihn um Hilfe für ihren Zögling an, und erst, als der Morgenschein durch die Ritzen des Daches drang, fielen ihr mitten in dem Gedanken: „Jetzt können wir bald hinunter!“ die müden Augen zu, und sie erwachte erst, als sie das muntere Gespräch ihrer Reisegefährten vernahm, die an der offenen Thür der Hütte den Heimweg berieten. Es war ein frischer, schöner Morgen. Zerrissene Wolkenschichten flogen, vom Winde getrieben, am Himmel dahin; in den Thälern zog hier und da noch ein Nebelschleier hin und her; die Berghäupter, so viel man deren hier sehen konnte, waren frei, und das Stücklein See, das sich zeigte, strahlte im frischesten Blau. Aus allen Klüften rieselte und rauschte es, auf allen Halmen perlte und glänzte es; die Kühe, die eben gemolken wurden, brüllten der Freiheit entgegen: es war ein lachendes Morgenbild; nur der Pfad, welcher hinabführte, sah noch sehr schlüpfrig und wenig einladend aus.
Martha und Friedericke trugen tüchtige Bergschuhe, aber einige der älteren Herrschaften seufzten schwer und blickten mit Grauen die abschüssige Bahn hinunter. Nachdem man sich mit frischer Milch erquickt hatte, ging es hinab unter manchem „Ach“ und „Weh“, unter manchem Fallen und Wiederaufstehen; nur unsere jungen Freundinnen blieben fest auf den Füßen und konnten zuweilen noch verzagten Seelen die Hand reichen, um ihnen über bedenkliche Stellen fortzuhelfen. Der Senn war soeben mit seinem Mundschenkenamte fertig, da bogen die Wanderer in die Straßen von Heyden ein.
Die Wirtin kam ihnen in der Thür entgegen; sie schien das Ausbleiben des Mannes und der Gäste mit großem Gleichmut ertragen zu haben; es mochte wohl schon öfter vorgekommen sein.
Martha flog an ihr vorüber die Treppe hinauf und öffnete leise ihr Zimmer.
Mit lautem, glücklichem Aufschrei streckte ihr Fanny die Arme entgegen, während die Präsidentin vom Lehnstuhl am Bett sich erhob und unbeschreiblich überwacht und elend aussah.
„Siehst du, mein liebes Kind“, sagte sie, „Gott hat die Unserigen behütet.“