Friedericke, welche ihre Mutter auf ihrem Zimmer nicht gefunden hatte, war auch hereingekommen und hing jetzt an ihrem Halse.
„Sie haben gewiß eine recht schlimme Nacht gehabt“, rief Martha beim Anblick der Frau v. B. „O, wie viel Vorwürfe habe ich mir gemacht, daß wir gegangen sind.“
„Ja, meine kleine Pflegebefohlene war gar nicht zur Ruhe zu bringen“, erwiderte diese, „da mußte ich mich schon entschließen, an ihrem Bette zu bleiben; aber daß wir uns Vorwürfe machen, finde ich überflüssig; die Sache war ja ganz verständig überlegt; wir konnten nicht wissen, daß das Gewitter kam. Komm, kleiner Wildfang ziehe deine feuchten Sachen aus, dann versuchen wir beide noch ein wenig nachzuschlafen. Thun Sie das auch, Fräulein Feldwart!“
Martha hätte diesen Rat nur zu gern befolgt, aber Fanny war noch zu aufgeregt: „Sie müssen mir erst alles, alles erzählen!“
Martha that es und versuchte dabei ein Mittel, das ihr in der Pflege des reizbaren Kindes schon manchmal geholfen hatte: indem sie Fannys Hand in der ihrigen festhielt, erzählte sie mit ganz eintöniger Stimme immer breiter, immer langsamer und leiser; das wirkte wie Schlafmusik, stimmte die überreizten Nerven des Kindes herab, und nach einer halben Stunde schlief es so fest, daß nun auch Martha die ersehnte Ruhe fand.
Einige Stunden ruhigen Schlafes hatten sie völlig erfrischt; sie erhob sich leise, um das Kind nicht zu stören, sah aber mit großer Sorge, daß Fannys Gesicht geröteter war als sonst und die Brust sich hob in ungewöhnlich raschen Atemzügen. Es fand sich in der That, als sie erwachte, daß sie nicht fieberfrei war; der herbeigerufene Arzt riet, sie heute im Bette zu lassen und vollständige Ruhe um sie her zu erhalten. Mit Bangen empfing Martha gegen Mittag das Telegramm, welches die Ankunft der Frau v. Märzfeld für diesen Nachmittag meldete. Fanny wollte durchaus aufstehen zu ihrem Empfange, fühlte aber freilich gleich, daß es eine Unmöglichkeit sei. Martha war sehr betrübt darüber. Wie sollte sie der Mutter gegenübertreten, wenn Fanny kränker wurde, wie sich jemals wieder beruhigen? Ihr Herz schlug heftig, als die Erwarteten eintraten. Es erschien ihr als die einzige Sühne, der Mutter sofort den Hergang zu erzählen. Sie that es, aber sie that es nicht völlig; sie verschwieg, wie sie von der Präsidentin und Fanny dazu überredet worden war.
Frau v. Märzfeld sah sie sehr befremdet von oben herab an: „Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, Fräulein Feldwart! Sie sehen, was von Ihrem Leichtsinn kommt; möglicherweise steht Fannys ganze Genesung auf dem Spiel.“
Martha weinte: „Ja, gnädige Frau, es soll mir eine sehr bittere Lehre sein; ich werde niemals, niemals mehr von Fanny fortgehen!“
„Das will ich sehr hoffen; ich könnte Sie auch sonst niemals mehr mit dem Kinde allein lassen.“
Wahrscheinlich wäre aus diesem Auftritte bei Frau v. Märzfeld dauernde Erkältung erwachsen, wenn sich nicht gegen Abend die Präsidentin ihr hätte vorstellen lassen, um ihr den richtigen Verlauf der Sache zu erklären. Sie nahm alle Schuld bereitwillig auf ihre Schultern und unterließ es nicht, sich offen darüber auszusprechen, daß es wohl eigentlich Schuldigkeit sei, einem so aufopfernden Wesen wie Martha mitunter ein Aufatmen und eine Erholung zu gönnen. Die Präsidentin verkehrte in den höchsten Kreisen; sie war eine sehr angesehene, auch äußerlich vornehm erscheinende Persönlichkeit; deshalb verfehlten ihre Worte nicht, den beabsichtigten Eindruck zu machen, um so mehr, als Fanny am anderen Morgen nach einer ruhigen Nacht so ziemlich wieder die Alte war.