Als für Martha und Fanny Wohnung in Pfäffers bestellt werden sollte, erklärte zu aller, am meisten zu Marthas Erstaunen Judith, sie möchte mit nach Pfäffers gehen, sie habe sich dies lange gewünscht, und fügte sehr entschieden hinzu: „Wir können uns dann ablösen in Fannys Pflege und jede von uns kann mitunter spazieren gehen.“
Wäre ein Stückchen Himmel eingefallen, so hätte Martha nicht verwunderter aussehen können. Von Judiths Gerechtigkeitssinne hatte sie schon mehrmals Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, auch von ihrer Fürsorge für Fanny; aber Freundlichkeit und Rücksicht für sie — dies war Martha ganz neu. Sie kam wohl der Wahrheit ziemlich nahe, wenn sie vermutete, daß es für Judith vielleicht jetzt nicht leicht sei, in der unmittelbaren Nähe des Brautpaares zu leben. Aber die Sache hatte noch einen anderen Grund. Judith liebte Graf T. nicht; ihr Herz war nicht getroffen durch seine Verlobung, ihr Stolz um so härter; sie fühlte sich zurückgesetzt und gedemütigt und fing an, ein wenig mit anderen zu fühlen, denen dasselbe begegnete. Marthas Einwirkung auf Fanny und besonders ihre Heiterkeit und Geduld in der Pflege derselben erfüllte sie mit Achtung; Frau v. B.s offene Herzensergießung hatte ihr vollends die Augen geöffnet; sie kam entschieden zu der Einsicht, daß sie Martha nicht behandelt hatte wie es billig und freundlich war, und ihre Ehre schien es zu fordern, dies so viel als möglich wieder gut zu machen.
Martha und Fanny wären lieber mit der Präsidentin und ihrer Tochter allein gewesen; aber Fanny erkannte die freundliche Absicht, und Martha wußte, daß Gott uns die Menschen zuweist, mit denen wir leben sollen, und daß wir es vor ihm zu verantworten haben, wenn wir sie mit Kälte und Gleichgültigleit von uns stoßen; so kamen sie beide Judiths Wünschen freundlich entgegen.
Die Reise durch das schöne Rheinthal machte allen, besonders den beiden, die noch nicht gereist waren, die größte Freude. Da sieht man die Bergriesen auf beiden Seiten ragen: Säntis, Kamor, Hohekasten, Altemann grüßen herunter; an der anderen Seite des Thales erheben sich, steil ansteigend, die österreichischen Berge, während die grünen Matten des Thals das Auge erfreuen und im Hintergrunde die Kalande die Aussicht abschließt.
Fanny blieb in einem Jauchzen, bis der Zug in Ragatz hielt und der neue Schwager sie liebevoll aus dem Wagen hob, um sie als sein Schwesterchen zu begrüßen. Als man sich ein wenig erquickt hatte, sollten die Gäste für Pfäffers erst an Ort und Stelle gebracht werden. Es wurden zwei Wagen genommen; in dem einen saß die Mama mit dem Brautpaar, im anderen Judith, Martha und Fanny.
Welch wunderbarer Weg, stellenweise fast schauerlich! Die Straße ist dem Felsen abgewonnen; sie führt dicht am Ufer der Tamina hin. Dies brausende, weißschäumende Gebirgswasser strömt daher über schwarzbraunes Felsgestein; an einigen Stellen so tief unter der schmalen Fahrstraße, daß es den darauf Fahrenden wohl ein wenig schwindelig werden kann. Zu beiden Seiten steigen hohe, fast senkrechte Felswände empor, so coulissenartig in- und voreinander geschoben, daß man stets glaubt, in einen engen Kessel eingeschlossen zu sein. Staubbäche, in Millionen kleine, feine, leuchtende Tröpfchen geteilt, ergießen sich von ihrer Höhe in die Tamina, mit so graziösem, kühnem Schwunge, daß sie über der Fahrstraße einen glänzenden Bogen bilden, unter welchem dieselbe völlig trocken bleibt. Oben an den Felsen glühte und zitterte noch das Sonnenlicht und tauchte die wallenden Wasserschleier in Regenbogenfarben, während über der Tamina die bläulichen Schatten des späteren Nachmittags lagen, denn nur von zehn bis vier Uhr vermag in den längsten Tagen die Sonne die Thalsohle zu erreichen.
Fanny schmiegte sich an Martha mit glühenden Wangen; es war ihr ein wenig bange zwischen dem schäumenden Abgrund und dem starren Fels.
„O, wie groß und schön!“ sagte Martha.
„Ja, groß ist dies wirtlich“, erwiderte Judith, „schauerlich groß! Ich graule mich ein wenig hier; Sie auch, Martha?“
„Nein!“ rief diese ernst und zuversichtlich. „Ich weiß, der diese Erde gründete und diese Felsschlucht auseinanderriß, der diesem Wasser rief und es herniederbrausen läßt, der ist mein Vater, hält mich in seiner liebevollen, starken Hand und hat die Haare auf meinem Haupte alle gezählet. Das ist so tröstlich zu denken, man wird so still dabei und möchte doch Psalmen singen tief aus dem Herzen heraus.“