Judith sah sie ernst und wehmütig an: „Mir ist anders, ich habe das Gefühl: dieselbe Gewalt, die vor Jahrtausenden diese Spalten entstehen ließ, kann jederzeit wieder daran rütteln; mir ist, als könnten Himmel und Erde in Stücke gehen, und ich fühle gleichsam schon ihr Beben.“
„Das werden sie ja auch einmal“, sagte Martha freundlich, „aber dann kommt der neue Himmel und die neue Erde, wo alles nur Friede und Freude ist.“
Sie sprachen nun nicht mehr, aber Fanny hatte sich fest in Marthas Arm geschmiegt; sie schaute und schaute, auf ihren Wangen blühte zartes Rot auf und ihre Augen leuchteten. Auch Judiths Augen wurden immer größer und ernster und zuweilen senkten sich die Lider darüber, um aufsteigende Thränen zu verhüllen. Es war allen befremdlich, wenn einmal der vorausfahrende Wagen in einen solchen Winkel zu dem ihrigen kam, daß man heiteres Gespräch und fröhliches Lachen daraus vernahm; und doch ging dies natürlich zu: das bräutliche Glück überstrahlte selbst diese großartige Scenerie. Es kommt ja bei der Wirkung äußerer Eindrücke alles darauf an, wie es in dem kleinen Herzensspiegel aussieht, in dem sie sich abbilden.
Als man vor den Gebäuden von Bad Pfäffers ausstieg, die, eingeklemmt zwischen die Felswände und jetzt vom letzten Sonnenstrahl in ihrer oberen Hälfte eben noch erreicht, auf den ersten Anblick einen mehr düsteren als angenehmen Eindruck machten, sahen sich die Insassen beider Wagen fragend an; das Ganze glich sehr einem natürlichen Gefängnis. Aber sie wurden freundlich hereingeführt, zunächst in die für die neuen Badegäste bestimmten Zimmer. In der Mitte lag eine größere gemeinsame Wohnstube, rechts ein Schlafzimmer für Judith, links eins für Martha und Fanny. Die Zimmer waren bequem und sauber eingerichtet und die künftigen Bewohnerinnen erklärten sich damit zufrieden.
Die Badeeinrichtungen fand man ganz besonders blank und nett, und als man in eines der Versammlungszimmer trat, um den Kaffee da zu genießen, erhob sich am oberen Ende des Tisches ein vornehm aussehender Herr mit weißen Haaren und stellte sich als General E. aus Württemberg vor, zugleich als Bruder der lieben Präsidentin, die jährlich mit ihm hier zusammentreffe und die er morgen gegen Mittag mit ihrer Tochter Friedericke erwartete. Da war die Bekanntschaft schnell gemacht, und als Frau v. Märzfeld mit ihrem Brautpaar abfuhr, saßen die drei Zurückbleibenden zutraulich neben ihrem neuen Beschützer, erzählend und hörend, als wären sie schon längst miteinander bekannt. Selbst Judith gab der süddeutschen Treuherzigkeit gegenüber ihr steifes Wesen auf. Der Gang in die Schlucht, in welcher die Heilquellen entspringen, wurde bis morgen verschoben, da man ihn nicht ohne Fanny, die von der Reise angegriffen war, ja, womöglich auch nicht ohne Friedericke thun wollte, welche sich schon in Heyden darauf gefreut hatte, ihrer Freundin diese Wunder zu zeigen.
Als die Dunkelheit völlig hereinbrach, erschienen sehr verschiedenartige Gestalten im Gesellschaftszimmer; nur die wenigsten schienen den höheren Ständen anzugehören; der vermögende Teil der bäuerlichen Bevölkerung aus der Schweiz und Oberösterreich war reichlich vertreten, und Judith sah sich mit nicht eben sehr wohlgefälligen Blicken um unter dieser Umgebung. Ihr Staunen stieg, als sie den ungenierten, vertrauten, heiteren Ton gewahrte, in welchem sich der General mit den Leuten unterhielt und auf all’ ihre Interessen einging.
„Hier“, dachte sie, „wird es schwer sein, seine Stellung zu wahren“, und als ein behäbiger, freundlicher Österreicher sie fragte: „Wird es den schönen jungen Damen nicht zu einödig hier sein?“ erhielt er eine so kurze, ablehnende Antwort, daß Martha froh war, als Fannys Müdigkeit sie sämtlich nötigte, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.
Als Fanny ruhte, saßen Judith und Martha noch eine halbe Stunde im Wohnzimmer beisammen.
„Ist das nicht schrecklich hier?“ rief Judith; „nimmt sich so ein Mensch heraus, mich anzureden, ohne daß ich es ihm erlaubt habe! Und dieser General! Gehört zu den ersten Kreisen in Württemberg und spricht mit diesen Menschen, als wären sie seinesgleichen!“
„Ich glaube, Fräulein Judith, das Badeleben bringt auf ganz natürliche Weise den freieren Ton mit; alle sind hier um ihrer Leiden und Gebrechen willen, alle suchen Hilfe aus derselben Vaterhand und an derselben Quelle, alle sind eingeschränkt auf kleinen, engen Raum. Aber wenn Sie eingehend beobachten wollen, werden Sie finden, daß sich niemand gegen den Herrn General etwas Zudringliches oder Ungeschicktes erlaubt; er ist bei all’ seiner Leutseligkeit eine so wahrhaft vornehme Erscheinung, daß dies keiner ihm gegenüber vergessen oder verkennen kann!“