Martha ging noch einmal ins Wohnzimmer zurück, ihre Arbeit zu holen, und fand da Judith noch, die mitten im Zimmer stand und sich gedankenvoll auf den großen Eichentisch stützte. Jetzt blickte sie auf und sagte fast weich: „Wenn Sie mit Fanny lesen, schließen Sie die Thür nicht, oder lassen Sie mich dabei sein!“
„O, wie sehr gern!“ rief Martha aus vollem Herzen; sie wollte Judith die Hand geben, diese war aber schon in ihrem Schlafzimmer verschwunden.
Ja, Judith fühlte, daß ihrem Dasein die rechte Erquickung mangelte; sie hatte auch in der letzten Zeit durch die Beobachtung ihres kranken Schwesterchens eine Ahnung bekommen, wo dieselbe zu finden sei, und sie war keine oberflächliche Natur; was sie einmal erfaßte, pflegte sie mit Ernst zu ergreifen.
Am anderen Morgen nahm Fanny das erste Bad, und sowohl Martha als Judith freuten sich über die schönen, weißen Fließen, in welche die Bäder gefaßt waren, über die ganze wohlthuende und elegante Einrichtung in dieser scheinbaren Weltabgeschiedenheit, und da Fanny die angenehme Einwirkung des Wassers dankbar empfand, beschlossen ihre beiden Hüterinnen, sich diese Erquickung und Auffrischung der Nerven, so viel es thunlich sei, ebenfalls zu verschaffen.
Gegen Mittag erschienen die Präsidentin und Friedericke, herzlich empfangen von dem lieben, alten Bruder und Onkel, jubelnd von Fanny. Gleich nach Tische kamen, wie sie es versprochen, Frau v. Märzfeld und ihr Brautpaar, und man beschloß, noch vor dem Kaffee den Weg in die Schlucht zu unternehmen, der so glatt, sicher und nahe ist, daß selbst Fanny, abwechselnd auf Friedericke und Martha gestützt, ohne Bedenken daran teilnehmen konnte. Diese Schlucht, in welcher die heißen Quellen entspringen, gewährt in der That einen ebenso großartigen als schauerlichen Anblick. Die Felsen treten hier so nahe zusammen, daß unten nur die schäumende, brausende Tamina zwischen ihnen Platz hat, und über ihr ein auf sicheren Stützen ruhender Weg, oder vielmehr eine lange Brücke, welche bis zu den heißen Quellen hinführt, die sich schon von ferne durch ihren weißen Dampf ankündigen, der in dem wunderbaren Unterweltslichte die sonderbarsten Gestalten anzunehmen scheint. Die Felsen schließen sich nämlich an ihrem oberen Ende so nahe zusammen, daß nur ein kleiner Spalt offen bleibt, um das Himmelslicht einzulassen, ja an einer Stelle führt sogar der Weg nach Dorf Pfäffers über diesen Spalt hin. Wenn man die Einschnitte, Ecken und Kanten an beiden Seiten aufmerksam miteinander vergleicht, ist leicht wahrzunehmen, daß sie genau ineinander passen, und es macht ganz den Eindruck, als habe ein gewaltiger Finger diese Wände ein wenig auseinander gerückt, um dem brausenden Bergwasser Platz zu schaffen. Friedericke und Fanny hielten sich fest umfaßt, als der Führer sie darauf aufmerksam machte.
„Muß das gekracht haben“, sagte Friedericke, „da hätte ich nicht dabei sein mögen!“
Als man bei der heißen Quelle ankam, zeigte sich die Thür zu einem Stollen, der in den Felsen getrieben ist, um mehr Wasser zu gewinnen. Da es aber darin natürlich heiß und dunkel war, verzichtete man darauf, ihn zu besuchen. Im Felsen an beiden Seiten bemerkte man Vertiefungen, wie zu einer Balkenlage.
„Hier“, sagte der Führer, „hat früher ein kleines Haus schwebend über der Quelle gestanden, bevor noch ein Weg in die Schlucht hereinführte; die Kranken sind von oben, versehen mit Lebensmitteln, an Stricken heruntergelassen worden, und erst wieder heraufgezogen, wenn die Kur beendet war.“
„Die sind dann ganz bei den Erdgeisterchen gewesen“, sagte Friedericke.
„Und ich fürchte, sie hatten nicht so schönen Honig und keine Traubenrosinen zum Dessert, wie wir heute Mittag“, setzte Fanny hinzu.