Beides, Honig und Rosinen, ist nicht nur kurgemäß in Pfäffers, sondern wird von den Ärzten aufs wärmste empfohlen und ist deshalb stets in Fülle und ungewöhnlicher Güte vorhanden, was Fannys vollen Beifall hatte. Sie war jetzt, wo Friedericke bei ihr war, ganz befriedigt; sie spielten, lasen und lernten zusammen, so viel oder vielmehr so wenig es Martha bei der Kur ratsam fand; Fanny machte an Friederickens Arm die kleinen Spaziergänge, welche sie ausführen konnte und welche der Arzt zu ihrer Stärkung dringend wünschte. Sie bauten sich eine ganze Märchenwelt in ihrer Phantasie auf, jeder Felsvorsprung, jede Vertiefung hatte für sie ihre Bedeutung.

„Dort oben, wo niemand hinkommen kann, bei den vorgeschobenen Spitzen und Kanten, da ist das Zwergenschloß, da sehen sie heraus und sonnen sich. Dort, wo das tiefe Loch in den Felsen hineingeht, wohnt die Erdgeistermutter; die ist verdrießlich, man hört sie brummen, wenn der Wind weht. Im weißen Dampf über der Quelle tanzen die Tamina-Elfen; sie sind so fein, daß man nur ihre Schleier wehen sieht.“

Oder sie dachten sich ganze Geschichten aus von solchen Kranken, die an Stricken heruntergelassen waren, wie sie sich fürchteten und graulten, und wie die lieben Zwerge aus dem Felsen kamen, sie zu trösten.

Martha sorgte, ob solche Phantasieen nicht Fannys Nerven aufregen würden; aber sie schlief sanft und fest; sie brauchte zum Essen nicht mehr genötigt zu werden und ihre Spaziergänge konnte sie mit jedem Tage weiter ausdehnen. Der Annahme entgegen, daß eine Rose nur in der Sonne ihre schöne Farbe erhalten kann, kam auf die bleichen Kinderwangen mehr und mehr ein rosiger Schimmer, in die matten Augen ein Strahl von Jugendfreude und Mutwillen, der Martha entzückte. Sie selbst fühlte sich ebenfalls gekräftigt und vollkommen in Frieden. Seit den trüben Erfahrungen in Heyden hatte sie alle ungestümen Wünsche nach großartigen Ausflügen aufgegeben und war für die kleinen Spaziergänge, die ihr durch Judiths Freundlichkeit möglich wurden, dankbar.

Das Verhältnis mit Judith erregte in hohem Grade ihr Interesse; sie kamen sich sehr langsam ein wenig näher, und nach dem, was sich da offenbarte, schien es gewiß, daß in dieser Seele noch viele verborgene Schätze schlummerten, die nur der richtigen Wünschelrute bedurften, um ans Tageslicht zu kommen.

Eine nach der Eigentümlichkeit der Gäste größere oder kleinere Prüfung brachte ein Regentag; gottlob! gab es in diesem Sommer nicht viele. Wenn die Wolken wie dunkelgraue Gardinen zwischen den Felsen niederhingen, die Lampen in Korridor und Gesellschaftszimmer den ganzen Tag nicht ausgehen durften, die Badegäste entweder auf ihr Zimmer angewiesen oder in den Gesellschaftssaal gebannt waren, da gab es große Versuchungen zum Grillenfangen. Solch ein Tag kam in der zweiten Woche.

Judith war eben mit ihrer Garderobe beschäftigt gewesen, jetzt folgte sie Martha und Fanny, die ihre Stunden beendet hatten, nach dem Versammlungszimmer. Dort saß beim Lampenlicht der General und spielte mit der Präsidentin eine Partie Schach; dort hatten sich Frauen aus allen Ständen und Ländern mit ihren weiblichen Handarbeiten um einen langen Tisch gruppiert; dort saß ein Kreis bäuerlicher Besitzer und unterhielt sich über Verkehrsverhältnisse, Fruchtpreise und Politik. Die jungen Damen nahmen am Frauentische Platz, da Fanny und Friedericke ein kleines, besonderes Tischchen für sich in Anspruch nahmen, um mit ihren Modepuppen die wunderlichsten Geschichten aufzuführen. Martha kam bald mit ihren Nachbarn in eine lebhafte Unterhaltung.

Das Thema nach der ersten Bekanntschaft in Badeorten ist stets das gleiche: die Gebrechen und Krankheiten, für welche jeder hier Hilfe und Heilung sucht, und dieses Thema wird zwar von verschiedenen Persönlichkeiten in ebenso verschiedenen Variationen vorgetragen, aber es berührt doch die gleichen Grundaccorde in den Herzen und führt zu Mitleid, Mitfreude und leichter Verständigung.

Martha fand neben den verschiedensten Leiden und einzelner Bitterkeit und Verzagtheit auch viel Demut, Geduld und Gottvertrauen, und hörte gern und hoffnungsvoll erzählen von manchen Erfolgen, die mit Gottes Hilfe durch den Gebrauch dieser Quellen erreicht worden waren.

Als das Schachspiel beendet war, kam auch Frau v. B. in den Frauenkreis, und Martha staunte, wie sie es verstand, mit den einfachsten Frauen zu reden, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zu trösten und zu beraten. Der General war zu den Männern gegangen; hier entspann sich eine höchst lebhafte Unterhaltung über Wiesen- und Forstkultur, Ackerbestellung u. dergl.; je nachdem die Redenden aus verschiedenen Gegenden und Verhältnissen kamen, waren auch die Ansichten verschieden, und die Gefahr lag oft nahe, daß aus der Unterhaltung ein Streit werden könne. Dann hörte man stets des Generals ruhige, sichere Stimme, welche erklärte, vermittelte, und der sie alle sich unterzuordnen schienen.