Judith langweilte sich aufs äußerste. Das Licht fiel schlecht auf ihre feine Arbeit; sie hatte dieselbe sinken lassen, lehnte sich nachlässig zurück, gähnte mehrmals, ohne es zu merken, und Verdruß und Müdigkeit spiegelten sich dergestalt auf ihrem sonst so schönen Gesichte, daß ein alter Oberbayer, der sie eine ganze Weile unbemerkt beobachtet hatte, zu ihr trat: „Sind Sie bös, Fräule, daß unser Herrgott schütten läßt? Hilft Ihnen doch nichts; er laßt’s deshalb nit; ’s macht ihm nichts, wenn ein jung Mädel die Stirn kraus zieht!“

Judith sah ihn groß an und sehr von oben herab; sie antwortete nicht, verließ aber gleich danach die Halle, und als ihr Martha und Fanny später folgten, fanden sie sie in der schlimmsten Laune oben noch im Finsteren.

Fanny war jetzt immer sehr müde und schlief bald ein; als Martha leise in das Wohnzimmer trat, ging Judith dort mit großen Schritten auf und ab. Martha setzte sich mit ihrer Arbeit ruhig an den Tisch zur Lampe und wartete das Weitere ab.

Endlich blieb Judith vor ihr stehen: „Jetzt sagen Sie mir, Martha, wie es zugeht, daß sich die Leute solche Dinge gegen mich herausnehmen?“

„Aber, liebes Fräulein, wie kann ich das wissen?“

„Warum passiert dem General und der Präsidentin nie etwas Ähnliches? Sie sagten neulich, er habe so etwas Vornehmes; ich finde das gar nicht; er spricht mit allen Bauern wie mit seinesgleichen. Wenn Sie es wissen, wo seine Vornehmheit steckt, so sagen Sie es mir!“

Martha dachte ein wenig nach: „Darf ich mich ganz offen aussprechen, Fräulein Judith?“

„Ja, ich bitte sehr; und sagen Sie nur nicht immer ‚Fräulein‘; von Ihnen ist mir das sehr langweilig, wissen Sie!“

„Es ist eine schwierige Frage; lassen Sie mich ein wenig nachdenken. Einesteils ist es wohl wirklich das Übergewicht der Erfahrung, des Wissens, der Bildung, was die Leute empfinden, ohne es sich klar zu machen; aber ich glaube, der Grund der allgemeinen Achtung ist vor allem der, daß die beiden alten Herrschaften sich selbst vollständig in der Gewalt haben; daß sie sehr weit vorgeschritten sind in der Selbstbeherrschung und Selbstlosigkeit; ich denke mir, dies muß stets vorausgehen, ehe man anderen imponieren oder sie beherrschen will. Sie geben sich keine Blöße den Leuten gegenüber und, liebe Fräulein Judith, sie geben sich niemals das Ansehen, Respekt erzwingen zu wollen; das reizt in solchen Lagen, wie die unserige hier in dem kleinen Bade ist, gar so leicht zum Widerspruche!“

„Ach Gott“, seufzte Judith, „wenn nur nicht das Leben mit diesen Menschen gar so langweilig wäre, und nicht nur mit ihnen, auch mit meinen Bekannten in M.; ich beneide jeden Menschen, der sich amüsieren kann, aber ich begreife es nicht!“