„Ich wollte“, sagte Martha warm, „Sie begriffen es; gerade Sie, liebe Judith, würden so glücklich sein und andere so glücklich machen können, wenn Sie einmal anfingen, sich mit warmem Herzen für Ihre Mitmenschen, ihre Leiden und Freuden, ihre Ideen und Gedanken zu interessieren. Sie lesen so gern Schilderungen fremder Völker und Länder, und doch sind diese oft wunderbar gefärbt durch die eigentümliche Brille des Verfassers. Ich lese noch viel lieber in einem so lebendigen Buche, wie wir es jetzt vor uns haben; daraus kann man viel, sehr viel lernen! Versuchen Sie es nur; ich hoffe, die Befriedigung findet sich!“
Judith stand eine Weile in tiefem Nachdenken, dann sagte sie freundlich: „Gute Nacht, lieber Herr Professor! ich werde über die Vorlesung nachdenken“, und verschwand in ihrem Zimmer.
Am anderen Morgen ward ein ähnliches Thema durchgesprochen zwischen dem General und der Präsidentin.
„Ich verkehre gern mit allerlei Volk“, sagte der erstere, „man lernt eine Menge Dinge kennen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt. Ich verstehe es aber noch lange nicht so gut wie mein Georg, den Leuten nahe zu kommen; wenn der Junge kommt, sollst du dein Wunder sehen!“
„Wenn mein Georg kommt!“ Dieses Wort hatten die Mädchen aus seinem Munde nachgerade so oft gehört, daß sie sich mit leichtem Lächeln ansahen, wenn es wiederkam. Es war dadurch allmählich „mein Georg“ eine Person geworden, der man mit einiger Spannung entgegen sah.
Eines Abends, da es besonders schön und warm war, wanderten sie im Taminathal, die Kinder voran, Judith und Martha, wie es in der letzten Zeit öfter der Fall war, Arm in Arm.
Da bog ein junger Wanderer um die Felsenecke; eine große, kräftige und doch bewegliche Gestalt, den leichten Sommerrock aufgeknöpft, das Halstuch gelockert, den Strohhut in den Nacken geschoben, daß eine Fülle lichtbrauner Locken frei wurde und ein heiteres, lebensvolles Gesicht mit blitzenden, braunen Augen, gesunder, etwas gebräunter Farbe, fröhlich lachendem Munde und einem Grübchen in jeder Wange, einrahmte; ein noch nicht eben sehr voller Bart umgab das gerundete Kinn.
Judith sah ihn staunend an und ärgerte sich über sich selbst, daß ihr unwillkürlich ein Wort in den Sinn kam, das sie aus dem Munde ihrer Bekannten immer sehr albern gefunden hatte: „Ein junger Gott!“
Der „junge Gott“ ließ ihr Zeit, ihn zu betrachten, denn er war mehrere Schritte vor ihnen bei Fanny und Friedericke stehen geblieben, hatte letztere ohne Umstände emporgehoben und geküßt, was mit dem Jubelruf: „Vetter Georg! lieber Vetter Georg!“ erwidert wurde.