Dann beugte er sich zu Fanny: „Und hier ist ein kleines Fräulein, das geht ein wenig lahm. Sind Sie ein bißchen zu weit gegangen, Waldnymphchen!“

„Ich glaube“, sagte Fanny mit weinerlicher Stimme.

„Darf ich Sie tragen?“

Fanny sah ihn zweifelnd an; aber er hob sie leicht auf seinen Arm, als sei sie eine Feder, und ging stolz mit ihr den beiden Damen entgegen.

„Jetzt bin ich Ihr Ritter und Sie sind meine Dame!“

„Ein Ritter! ein Ritter!“ jauchzte Friedericke. „Erdgeister haben wir, Zwerge, Elfen; nun haben wir auch einen Ritter — und einen Ritter Georg; es ist nur schade, daß kein Drache da ist!“

Friedericke stellte ihn den beiden jungen Damen vor; er hatte für jede ein heiteres, freundliches Wort, und da sie schon um der Kinder willen mit umwenden mußten, zogen sie wie im Triumphe mit dem Erwarteten im Bade Pfäffers ein.

Natürlich wurde er von Vater und Tante sehr herzlich begrüßt, aber er war noch keine Stunde da, so war es, als sei ein frischer Wind in die ganze Gesellschaft gefahren; er plauderte mit den Alten, lachte mit den Kindern, verabredete gleich für den anderen Morgen einen Spaziergang nach der Kalandaschau und Dorf Pfäffers, für übermorgen eine Tour nach Ragatz und Chur; die erste sollte nach Judiths Bestimmung Martha mitmachen, der zweiten wollte sie selbst sich anschließen, und man hoffte, daß auch Frau v. Märzfeld mit dem Brautpaar von Ragatz aus daran teilnehmen werde.

Es wurde nun alles Leben und Bewegung. „Mein Georg“ war Besitzer und Verwalter des Familiengutes, das in Süddeutschland lag; seine Gespräche mit den Landleuten waren viel eingehender als die seines Vaters; den Frauen machte er sich angenehm durch freundliche Besorgungen, kleine Erfindungen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitrugen; mit Martha und Judith unterhielt er sich gern über Bücher, Bilder, über das Leben in der Residenz u. s. w.

Die letztere erschien ihm wohl zuweilen etwas unergründlich, aber es reizte ihn sichtlich, ihr Wesen zu erforschen und dies schöne, stolze Gesicht aus seiner Ruhe und Feierlichkeit herauszusetzen. Dies gelang um so öfter, da Judith wirklich anfing, sich ihres Hochmuts zu schämen und mit Teilnahme auf die Gesellschaft zu blicken, die sie umgab. Wie sehr sie dadurch an Lieblichkeit und Anmut gewann, das merkte sie selbst nicht, andere desto mehr.