Als der nächste Regentag die Gesellschaft ans Haus fesselte, kam „mein Georg“ mit einem jungen Oberbayer, der seine Mutter besuchte, aufs „Schuhplatteln“ zu sprechen; es fand sich, daß beide diesen oberbayerischen Nationaltanz kannten und konnten, und als der Abend herankam, wurden Judith und Martha bestürmt, denselben mit ihnen auszuführen. Ein älterer Badegast erbot sich, auf dem Flügel zu begleiten. Die Mädchen wollten nicht; sie hatten es ja noch nie gesehen.

„Ach, Sie haben gar nichts dabei zu thun, als sich so graziös wie möglich immer im Kreise herumzudrehen, während wir schuhplatteln; dazwischen drehen wir Sie schon um, wie es sich gehört.“

„Ja, aber bescheiden!“ bestimmte Judith.

Es wurde versprochen und machte anfangs allen großes Vergnügen. Die beiden Tänzer waren gewandt, geübt und kräftig; es wurde ihnen gar nicht schwer, beim Sprung nach oben die Fußsohlen mit der flachen Hand zu schlagen und all’ die wunderlichen Bewegungen auszuführen, die der Tanz erfordert. Einen gehörigen Lärm giebt es dabei; einige nervenschwache Damen entflohen, alle anderen Gäste aber bildeten einen Kreis und sahen vergnügt und mit Spannung den Kautschukmännern zu. Der Bayer tanzte mit Martha, „mein Georg“ mit Judith. Sie hielten sich anfangs in ganz bescheidenen Grenzen und drehten ihre Damen sanft im Kreise herum, aber als der Georg ins Feuer kam, hatte er da vergessen, wen er vor sich hatte? daß Judith kein oberbayerisch Landmädel war? Mit raschem Griffe faßte er seine Dame fest um die Mitte, schwang sie mit einem lauten Juchzer hoch in die Luft und war vor Verwunderung und Entsetzen starr, als sie, wieder auf dem Erdboden angekommen, sich nicht weiter drehte, sondern mit heftigen, stolzen Schritten den Saal verließ und die Thür hinter sich schloß.

Da stand er nun, wühlte in seinen Haaren und sah ganz verdonnert und unglücklich aus. Die Präsidentin war böse, der General klopfte ihm auf die Schulter: „Ist dir schon recht, das kommt vom Ungestüm!“ und Martha lief eilends der Judith nach. Sie zürnten zweistimmig, in bester Harmonie.

„Nein, das ist nicht zu dulden! Das ist über alle Beschreibung unschicklich! So viel muß doch ein Edelmann sich in der Gewalt haben, daß er nicht vergißt, mit wem er zu thun hat! Dafür muß Strafe sein, das ist sicher!“

Judiths erster Gedanke war, ganz und gar nach Ragatz zu entfliehen. Aber nein! daraus würde er sich am Ende nichts machen, oder er merkte es kaum, oder er könnte sich wunder was drauf einbilden, sie vertrieben zu haben! Nein, sie wollten ganz kalt und ganz fremd zu ihm sein, damit er es merkte, was er für ein schrecklicher Mensch war. Heute Abend wollten sie nicht mehr hinuntergehen, aber morgen früh, beim Frühstück, da sollte er es erleben!

Martha war nur darüber verwundert, daß Judith plötzlich in Thränen schwamm; dies war bei ihr ganz ungewöhnlich.

„Aber, Fräulein Judith“, tröstete sie, „so was entsetzlich Schlimmes ist es doch am Ende nicht; jeder sah ja, daß Sie nicht dafür konnten!“

„Ja aber, daß Er! gerade Er!“