„Das ist nun eigentlich so verwunderlich nicht“, sagte Martha ruhig; „so eine kleine Unbesonnenheit ist ihm schon zuzutrauen; kränken wollte er Sie sicher nicht.“
Aber Judith war nicht zu trösten; sogar das Gotteswort und das liebliche Abendlied: „Der Tag ist nun vergangen“, das ihr in der letzten Zeit stets lieb und wert gewesen war, wollte heute nicht fassen.
Am anderen Morgen ging sie mit sehr hocherhobenem Haupte zum Kaffeetische.
„Mein Georg“ war schon da; er grüßte ein wenig verlegen, aber ehrfurchtsvoll und freundlich, und erhielt zum Dank eine stolze, steife Verbeugung. Er sprach heiter vom aufgehellten Himmel — und erhielt keine Antwort! Er schlug einen Morgenspaziergang vor — Judith und Martha versicherten, sie hätten Briefe zu schreiben. Er trat nach dem Kaffee näher, als wollte er um Verzeihung bitten — sowie es Judith bemerkte, ging sie hinaus und Martha folgte ihr.
„Das ist ja heute unausstehlich!“ sagte der alte General; „siehst du, Georg, das kommt von deinen Dummheiten! Ach, Agnes, sieh, ob du es wieder ins gleiche bringen kannst.“
Die Präsidentin als freundliche Tante ging wirklich und klopfte am Märzfeldschen Wohnzimmer an, während Fanny und Friedericke, fröhlich plaudernd, am Kaffeetische blieben.
Martha und Judith saßen sich sehr ernsthaft gegenüber; jede hatte einen großen Briefbogen vor sich und die eingetauchte Feder in der Hand, aber keine war aufgelegt zum Schreiben; der blaue Himmel sah so lockend herein; das Bedauern, durchaus Zorn halten zu müssen, wurde immer größer und die Frau v. B. wurde mit großer Zärtlichkeit und Ehrfurcht von ihnen empfangen, indem sie neben ihrer sonst schon geliebten Person die Hoffnung einer Veränderung dieses unerquicklichen Zustandes mit sich brachte.
„Lieben Kinder!“ sagte sie, „ich komme nicht, um meinen unartigen Neffen zu verteidigen, sondern um Sie zu bitten, liebe Judith: nehmen Sie es hier in der Freiheit der Bergwildnis nicht so sehr schwer und verderben Sie uns allen nicht die paar freundlichen Tage des Zusammenseins! Ein todeswürdiges Verbrechen war’s doch am Ende nicht, und ich glaube, er ist schon recht gestraft; ich habe seine guten Augen heute noch gar nicht lachen sehen; gönnen Sie ihm wenigstens, daß er Ihnen selbst ein Wort der Abbitte sagt. Kommen Sie nun mit herunter und begleiten Sie uns auf dem Spaziergange. Sehen Sie, wie freundlich die Sonne lacht; da dürfen wir nicht Grillen fangen!“
Ja, die Sonne lockte sehr; sie vergoldete die Ränder der Felsen gegenüber, und Frau v. B.s Stimme galt viel in der kleinen Gesellschaft. Da nun Judith vom Fenster aus den Verbrecher das Thal hinab wandern sah, glaubte sie, er wünschte ebenso wenig ihre Gesellschaft, als sie die seine, und setzte schweigend ihren Hut auf. Sie gingen langsam im eifrigen Gespräch der Gesellschaft nach, bis Martha bemerkte, daß Fanny und Friedericke sich dicht am Rande der Tamina vergnügten, und voll Sorge zu ihnen eilte. Nun schloß sich Judith der Präsidentin an, sah aber mit Schrecken, daß Georg und der Bayer an der nächsten Felsenecke ihrer warteten, und blieb zurück, scheinbar, um einen kleinen Strauß zu binden aus den feinen Halmen, Moosen und Kräutern, welche in den Felsenspalten wuchsen.
Wie es dann gekommen, daß auf einmal Frau v. B. mit dem Bayer zehn Schritte vorausging und sie allein und verlassen dem gefürchteten Georg gegenüberstand, das ist ihr niemals klar geworden.