Er sah sie weniger verlegen als ernst und traurig an: „Fräulein Judith, wollen Sie mir denn nicht erlauben, Sie für gestern Abend um Verzeihung zu bitten? Es thut mir so sehr leid, daß ich mich so vergessen und Sie so gekränkt habe, aber —“
„Herr v. E., hier giebt es kein Aber! Ein Edelmann muß sich so viel in der Gewalt haben, daß er sich bewußt bleibt, mit wem er es zu thun hat; ich hätte Ihnen nicht zugetraut, daß Sie das vergessen könnten!“
„Ach, Fräulein, das habe ich keine Minute vergessen; das war’s ja eben!“
„Wie? Sie wußten, mit wem Sie tanzten, und wagten es, mich so zu beleidigen?“ rief Judith, indem sie die Farbe wechselte.
„Immer mehr Mißverständnisse!“ rief er; „jetzt, Fräulein, muß ich es Ihnen ordentlich erklären. Bitte, bleiben Sie und hören Sie mich geduldig an!“
Sie hatte eben Miene gemacht, zu entfliehen. Ein Umblick überzeugte sie, daß dies nicht wohl möglich war; vor ihr gingen die Freunde, in einiger Entfernung hinter ihr der fremdere Teil der Gesellschaft. Sie trug also mit Anstand, was sich nicht ändern ließ, und ging mit gesenktem Kopfe neben ihm, mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren in den feuchten Sand zeichnend.
„Sehen Sie, Fräulein Judith,“ begann er, und auf der sonst so frischen Stimme lag es wie ein Schleier, „seitdem ich hier bin, habe ich das wärmste Interesse für Sie gehabt; ich betrübte mich, wenn Sie so steif dasaßen, und freute mich, wenn Sie lachten, und dachte schon am ersten Abend: ‚Was müßte das eine Freude sein, Sie so vergnügt zu machen, wie andere junge Mädchen sind. Sie glauben es nicht, wie ich glücklich war, als Sie nach und nach freier, frischer und unbefangener wurden; es reizte mich, immer mehr dazu zu helfen. Als ich Sie gestern Abend zu dem Tanz überredet hatte, glaubte ich über jede Schwierigkeit hinweg zu sein; ich dachte mir, ich wollte Sie durchs Leben führen und lauter Sonnenschein um Sie verbreiten, und ich sah Sie schon vor meinen Augen, Sie, die ich liebe wie niemand sonst, so schön, so fröhlich, so glücklich und beglückend, wie es Gott ursprünglich in Ihre Natur gelegt hat; o Judith, ich dachte, wir wären schon so weit! Da faßte mich ein innerer Sturm vor Freude; ich mußte jauchzen; ich mußte Sie in die Luft schwingen. O Judith, liebe Judith, können Sie mir jetzt verzeihen?“
Sie ging neben ihm, der große Mousselinhut beschattete ihr Gesicht, doch sah Georg, daß sie sich mit dem Tuche einen Tropfen von den Wimpern wischte; aber er wußte nicht, was ihm derselbe bedeutete, nicht, daß es die Worte waren: „Sie, die ich liebe wie niemand sonst“, welche ihr das Herz so bewegten.
„Judith, sagen Sie mir nur ein Wort, nur, daß Sie nicht mehr böse sind, nur, daß ich ein klein wenig hoffen darf! Sehen Sie“, fuhr er auf einmal, mehr in seinem alten, heiteren Tone fort, „ich hab’ so nötig jemanden, der mich zieht, denn ich bin ein Wildfang, Sie aber sind so verständig! Reizt Sie die Aufgabe nicht, liebe Judith, mich zu bessern?“
Sie schwieg noch immer; er fuhr fort: „Ich weiß, ich müßte diese Dinge ernster sagen, aber Gott allein weiß, wie ernst sie mir sind; er weiß auch, daß ich mich auf seinen Beistand verlasse, wenn ich Ihnen verspreche: Ich will Ihnen ein treuer Gefährte sein! Jetzt, Judith, wenn Sie nicht sprechen wollen, geben Sie mir Ihren kleinen Blumenstrauß!“