Zagend reichte sie ihm denselben; sie schlug die Augen auf dabei; es waren Thränen darin, aber ein Strahl von Glück verklärte sie.

Sie sahen jetzt die anderen sich entgegenkommen. Georg umarmte seine Tante: „Sie ist wieder gut; ach, Tante!“

„Na, Junge, erdrück’ mich nicht; ich bin zu alt, um durch die Luft geschwungen zu werden!“

Es ging nun alles seinen natürlichen Gang. Während Judith und Martha eine sehr bewegte Unterhaltung hatten, schüttete Georg seinem Vater sein Herz aus und erstaunte sehr, daß dieser über seine Mitteilungen so wenig überrascht war; dann eilte er nach Ragatz zu Frau v. Märzfeld, und als diese am Nachmittag mit ihrem Brautpaar herüberkam, wurden die neuen Verlobten der erstaunten Badegesellschaft vorgestellt, zugleich aber auch bestimmt, daß Judith, Martha und Fanny anderen Morgens mit nach Ragatz übersiedeln sollten, was der Mutter mit Recht nun angemessen zu sein schien.

„Ich dacht’ halt schon gestern“, sagte der Bayer, „’s ist schad’, daß sie nit seine Braut ist; wir meinen, es bringt Glück, wenn einer die Seinige recht hoch schwingt.“

Der Abschied von Pfäffers wurde allen schwer, aber doch sehr erleichtert durch die Aussicht, daß der General mit seinem Sohne, die Präsidentin mit ihrer Friedericke in den nächsten Tagen ihnen nachfolgen wollten.

Martha freute sich von ganzem Herzen über Judiths wie über Luciens Glück, wenn auch Stunden kamen, wo sie sehr die Sehnsuchtsgedanken nach Siegfried bekämpfen mußte. Glücklicherweise blieb ihr nicht viel Zeit dazu; denn da jetzt Fannys Leitung und Beaufsichtigung wieder allein in ihrer Hand lag und Frau v. Märzfeld für die vielen Überlegungen und Besorgungen, welche diese Doppelverlobung mit sich brachte, nur an ihr eine Stütze fand, waren ihre Kraft und Zeit reichlich in Anspruch genommen. Ihre Stellung in der Familie war eine ganz andere geworden; die Liebe ihrer Töchter zu der jungen Erzieherin, die freieren und billigen Ansichten der Schwiegersöhne über die Stellung derselben, das Beispiel des Generals und der Präsidentin wirkten mildernd auf Frau v. Märzfelds Benehmen, und obwohl Martha mit richtigem Takte die äußere respektvolle Form festhielt, war doch ihre Stellung zur ganzen Familie mehr die einer lieben, nahen Verwandten, als einer Untergebenen. In den wenigen Wochen, welche für den Aufenthalt in der Schweiz noch bestimmt waren, wurden nun noch fleißig hübsche Ausflüge gemacht, teils zu Wagen, teils per Bahn; da jetzt Fanny nicht mehr zu schwach dazu war, nahmen alle daran Teil, und so bekam Martha nach und nach ein schönes Stückchen Schweiz zu sehen; ja, auf der Heimreise rastete man auch in Heidelberg einige Tage, welches von Kind auf das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen war.


Nach der Heimkehr oder vielmehr schon auf der Heimreise gab es ernstliche Beratungen darüber, was mit Fanny, die jetzt fast als genesen anzusehen war, weiter werden sollte. Graf T. und der General, die sie am unbefangensten beobachtet hatten, rieten sehr dazu, sie bald in eine Erziehungsanstalt zu bringen mit anderen Kindern zusammen; sie müsse das Glück gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Erholung kennen lernen und dürfe nicht mehr, wie bisher, der Mittelpunkt des Hauses sein.

Die Frau Präsidentin schlug vor, sie in dieselbe Pension in der Nähe von Dresden zu bringen, in welcher Friedericke schon einige Jahre war. Dies schien allen vernünftig und gut zu sein und man beschloß, Martha solle sie den Winter über durch gründlicheren Unterricht auf den Eintritt in dieselbe vorbereiten.